Sprache und Sicherheit – eine philologische Perspektive

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Im Marketing und im PR-Bereich ist man sich schon länger dessen bewusst, dass die sprachliche Formulierung von Texten, Slogans und Werbebotschaften eine wichtige Rolle spielt. Im sicherheitspolitischen Bereich wurde die Diskussion zum Thema Sprache jedoch eher vernachlässigt, wenngleich es im wissenschaftlichen Bereich einige ForscherInnen gibt, die sich mit politischer Diskursanalyse beschäftigen. In den letzten Monaten scheint es immerhin so, als würde dem Thema Sprache mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Während der österreichischen Bundespräsidentenwahl entbrannte eine Diskussion um Norbert Hofers Anwendung von NLP (Neuro-linguistisches Programmieren), und die EU gründete eine eigene Task Force, um gegen Desinformationen u.a. von russischer Seite vorzugehen.

Welche Rolle(n) kann Sprache spielen?

Ganz allgemein kann Sprache verschiedene Funktionen haben. Nach Roman Jakobson sind sowohl der Empfänger und der Sender einer Nachricht, als auch die Nachricht selbst, sowie der Kontext Teil der Kommunikation. Zusätzlich dazu gibt es einen Code und den Kommunikationskanal (Kontakt) zwischen Sender und Empfänger.

Kommunikationsmodell von Roman Jakobson (Quelle: http://www.giovanni-lanza.de/begriffe_ikk.htm)

Jedem Element des Kommunikationsprozesses kann nun eine sprachliche Funktion zugeordnet werden. Die emotive Funktion von Sprache erlaubt es dem Sender, sich auszudrücken (Meinungen, Gefühle, etc.). Die konative Funktion bezieht sich auf den Empfänger und bedeutet, dass der Empfänger beeinflusst werden kann, z.B. durch Äußerung von Wünschen, Bitten, etc. Die referentielle Funktion bezieht sich auf den Kontext und macht die Darstellung von Sachverhalten möglich; die poetische Funktion bezieht sich auf die Nachricht selbst (Nachricht um ihrer selbst willen). Mit der phatischen Funktion wird beschrieben, dass Kommunikation oft dazu dient, den Kontakt zwischen Sender und Empfänger herzustellen bzw. zu halten. Die metasprachliche Funktion ermöglicht es, auf einer Meta-Ebene über die Sprache selbst zu sprechen. Sprache kann aber nicht nur zu Kommunikationszwecken verwendet werden kann; sie ist gleichzeitig auch Ausdruck der Identität eines Menschen. Ganz wesentlich ist außerdem die Verbindung von sprachlicher Inhalts- und Ausdrucksebene; hier sei auf den schweizerischen Sprachwissenschaftler und Strukturalisten Ferdinand de Saussure verwiesen, der ein sprachliches Zeichen in Signifikat und Signifikant aufgliederte .

In Konflikten kann Sprache unterschiedliche Rollen spielen. Sprache kann der Grund für einen Konflikt sein; dies ist meist stark mit Fragen der Identität verbunden. Sprache kann in einem Konflikt instrumentalisiert werden; man denke an die vielen russischsprachigen Menschen in den baltischen Ländern und in der Ukraine. Sprache wird selbstverständlich auch gebraucht um über einen Konflikt zu berichten, sie vermittelt und beschreibt. Sprache ist jedoch immer auch aktiv, und so kann sie als Instrument in einem Konflikt gebraucht werden (Stichworte Propaganda, Desinformation, Fake News). So macht es beispielsweise einen bedeutenden Unterschied, ob von „Selbstverteidigungskräften“ oder „Aufständischen“ sie Rede ist. Mit welchen Worten über einen Konflikt berichtet wird, bestimmt immer auch dessen Wahrnehmung (siehe framing).

Konflikte können also auch über Sprache ausgetragen werden. In letzter Zeit wurde der Begriff der „hybriden Kriegsführung“ populär. Mit dem Begriff der „hybriden Bedrohungen“ beschreibt die EU die Kombination aus konventionellen und unkonventionellen militärischen Mitteln, aber auch nicht-militärischen Mitteln der Kriegsführung, womit unter anderem politische, ökonomische, kulturelle und informationstechnische Faktoren gemeint sind. In der wissenschaftlichen Literatur entwickelte sich eine Debatte darüber, ob es sich hierbei um ein komplett neues Phänomen handelt. Desinformation und Propaganda sind im Bereich der Kriegsführung nichts Neues bzw. wurden in vergangenen Konflikten schon eingesetzt. Es scheint jedoch so, als würde das Thema aktuell „wiederentdeckt“ werden, und zwar nicht nur von einer Seite – „strategische Kommunikation“ wird auch vom sogenannten „Westen“ betrieben.

Ende des Jahres 2016 wurde vom Kreml eine neue Doktrin zur Informationssicherheit herausgegeben. Hauptsächlich geht es darum, gegen die Online-Rekrutierung für Terrororganisationen vorzugehen, sowie vor Cyberkriminalität zu schützen. KritikerInnen befürchten, Putin könnte die Inhalte und den Gebrauch des Internets in Russland zunehmend kontrollieren bzw. einschränken. In der Doktrin zur Informationssicherheit wird davor gewarnt, dass ausländische Geheimdienste immer mehr informationstechnisch-psychologische Einflussnahme ausüben würden, und damit viele Regionen der Welt, unter anderem auch Russland, destabilisieren wollten. Auf der anderen Seite sehen sich NATO und EU mit genau denselben Phänomenen konfrontiert und reagieren darauf.

Strategische Kommunikation, Desinformation, Propaganda – eine Gratwanderung

2014 wurde das NATO Strategic Communications Centre of Excellence (NATO StratCom COE) gegründet, das seinen Sitz in Riga, Lettland hat. Neben dem Gründungsmitglied Lettland sind außerdem Deutschland, Estland, Litauen, Polen, Italien und Großbritannien als Sponsorländer vertreten. Finnland und Schweden werden als Partnerländer angeführt, zusätzlich dazu sind die Niederlande und Frankreich „joining nations“. Das NATO StratCom COE bietet auf seiner Website Informationen an, veranstaltet Events und Workshops, publiziert Berichte zu Themen der laufenden Forschung. Einige Schwerpunkte der letzten beiden Jahre waren beispielsweise die Erforschung der sogenannten „hybriden Kriegsführung“, der Einfluss der Sozialen Medien und ihre weitere Entwicklung, der Schutz der NATO vor subversiven Einflüssen und die Propaganda des sogenannten „Islamischen Staates“. 2015 war ein wichtiger Programmpunkt die Erforschung der russischen Informationskampagne gegen die Ukraine, im Jahr 2016 lag ein Fokus auf der Erforschung der Methodologie russischer Kampagnen und Propaganda gegen NATO-Verbündete. Die selbst definierten Ziele des NATO StratCom COE werden wie folgt definiert:

  1. Contribute positively and directly in achieving the successful implementation of NATO operations, missions, and activities by incorporating strategic communications planning into all operational and policy planning;
  2. Build, in close and lasting coordination with NATO nations, public awareness, understanding, and support for specific NATO policies, operations, and other activities in all relevant audiences; and
  3. Contribute to general public awareness and understanding of NATO as part of a broader and on-going public diplomacy effort.
NATO StratCom COE
Auch die EU reagierte auf die neuesten Entwicklungen im Bereich der strategischen Kommunikation und gründete eine eigene Task Force, um gegen Desinformation von russischer Seite vorzugehen. Die Website der East StratCom Task Force ist auf Englisch und Russisch verfügbar. Ziele der neu eingerichteten Abteilung sind die effektive Kommunikation und die Förderung von Strategien der EU gegenüber der Östlichen Nachbarschaft (engl. Eastern Neighbourhood), die Unterstützung unabhängiger Medien in EU-Mitgliedsstaaten und der Östlichen Nachbarschaft sowie eine Verbesserung der Handlungsfähigkeit der EU in Sachen Vorhersage und Umgang mit Desinformation durch externe Akteure. Es soll ein positives Bild der EU kommuniziert werden und gegen FakeNews und falsche Narrative vorgegangen werden. Zehn Kommunikationsexperten der EU-Institutionen oder aus EU-Mitgliedsstaaten arbeiten mit verschiedenen Organisationen, sowohl auf Regierungs- als auch auf Nichtregierungsebene, zusammen. Mitglieder eines eigens etablierten Netzwerkes aus Experten, NGOs, Think Tanks, Journalisten, etc. können der Task Force Fake News und Desinformationen melden. Die Task Force gibt ein eigenes „Disinformation Review“ sowie ein „Disinformation Digest“ heraus und ist auf Facebook und Twitter vertreten. Nach eigenen Angaben identifiziert und korrigiert das East StratCom Team lediglich falsche Informationen und verbreitet von seiner Seite aus keine Gegenpropaganda. Auch werde nicht gegen bestimmte Meinungen vorgegangen, sondern nur Fakten und Informationen überprüft.

Wie zu erwarten war, fielen einige Reaktionen von russischer Seite bissig aus. In einem Artikel des russischen Nachrichtenportals Sputnik heißt es:

„Für diejenigen Europäer, die noch gar nicht mitbekommen haben, dass sie ein Opfer russischer Kriegspropaganda sind, hat die EU –Führung etwas ganz Besonderes im Angebot, den „Disinformation Review“ der sogenannten Task Force für strategische Kommunikation der EU.
Dieser erklärt durch welch hinterhältige Propaganda Russland den „Europäischen Boden“ bedroht. Klingt kompliziert? Klingt surreal? Klingt nach einer Nebenabteilung des Reichspropagandaministeriums? Ist es auch.“Sputnik News, 20.11.2016

Beiträge im Newsletter der EU East StratCom Task Force, dem „Disinformation Review“ erwiesen sich „bei näherer Betrachtung als ganz normale Beträge zur politischen Willensbildung“. Die EU sei sich selbst „der größte Feind“ und widerspreche ihren eigenen Prinzipien. Die East StratCom Task Force wurde laut Sputnik-Artikel demnach nicht gegründet, sondern „erfunden“. Federica Mogherini, Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, wird als „obere Dienstherrin“ bezeichnet, „nicht zu verwechseln mit ihrem militärischen Pendant und erklärtem Kooperationspartner, dem Exzellenzzentrum der NATO für strategische Kommunikation, das „NATO Stratcom Center“ unter dem oberen Dienstherrn „amerikanischer Präsident“ in Riga, Lettland“ . Der nächste Absatz ist an Süffisanz nicht zu überbieten, so dass ich ihn hier in seiner Gesamtheit präsentieren möchte:

„Dieses [Anm.: NATO StratCom COE] wurde glücklicherweise bereits im April 2013 von der NATO aus der Taufe gehoben, sozusagen just in time, bevor die Konflikte in der Ukraine entstanden, und bevor Russland seinen hybriden Angriffskrieg gegen Europa begann. Die europäische Politelite dürfte dann auch folgerichtig erst Mitte 2014 beim NATO Wales Summit die Einrichtung offiziell beklatschen und sich gegenseitig beglückwünschen, diese militärische Kampfeinheit in weiser Voraussicht der kommenden Ukrainekrise eingerichtet zu haben und sie finanzieren zu dürfen.“Sputnik News, 20.11.2016

Die von der East StratCom Task Force gelieferten „Beweisstücke“ seien alle als „Lüge“ zu klassifizieren. 75 Prozent davon seien ohnehin nicht russischen Ursprungs, und die restlichen 25 Prozent der Beiträge „wiederholen ausdrücklich die Thesen, die die EU selbst verwendet, um Finanztransfers in die Ukraine zu legitimieren“.

Geisteswissenschaften – Chance für die Internationalen Beziehungen

Unabhängig von ideologischen Ausrichtungen stellt sich die Frage, was die Schaffung der East StratCom Task Force der EU bedeutet. Gegen wen richtet sie sich? Was sind Vor- und Nachteile? Wie ist das alles mit einer liberalen Demokratie vereinbar? Was bedeutet das für die Meinungsfreiheit in Europa? Wer sagt, was wahr und was falsch ist? Kann es sein, dass politische Eliten entscheiden, welche Nachrichten sie wollen und welche nicht? Wer hat die Macht, die „Wahrheit“ zu verbreiten? Wo beginnt Zensur?

Die Aktivitäten der East StratCom Task Force der EU richtet sich hauptsächlich gegen Russland bzw. gegen russische Einflussnahme in Europa durch die Verbreitung von Falschinformationen, Desinformation und Einmischung in Wahlen auf nationaler Ebene (z.B. in Deutschland). Was zeigt die Reaktion der EU auf russische Desinformation? – Zweifelsohne ist Angst im Spiel, der Fokus liegt auf den „Anderen“, auf Russland, und nicht auf der EU selbst. Das engt den Handlungsspielraum der EU ein und macht sie gewissermaßen abhängig. Auch die Anzahl der Twitter-Follower der East StratCom (23,3Tsd.) spricht, verglichen mit der von beispielsweise Russia Today (2,58 Mio.), Bände.

Um auf das Kommunikationsmodell Roman Jakobsons zurückzukommen, das eingangs erläutert wurde, sind an einer Kommunikationshandlung immer sowohl mindestens ein Sender und ein Empfänger beteiligt. Ein Empfänger kann bestimmt oder unbestimmt, bekannt oder unbekannt sein, aber er muss zumindest theoretisch existieren. Bezogen auf Desinformation und Fake News heißt das, dass die Sender ohne Empfänger recht bedeutungslos wären. Die Frage ist, wieso es genug Empfänger gibt, die offen für so etwas sind. Warum gibt es Menschen, die für Desinformation empfänglich sind? Wer sind diese Menschen? Auf welche Narrative reagieren sie und aus welchen Gründen? Anstatt den Sendern von Falschinformationen Verbote aufzuerlegen und sie anzugreifen, könnte man sich beispielsweise mehr mit den Empfängern beschäftigen, oder mit den Inhalten der Botschaft, oder mit den Strukturen der Erzählungen, die bei vielen Leuten großen Anklang finden.

Gerade deshalb braucht es Menschen, die sich professionell mit Sprache auseinandersetzen. Dies gilt, wie schon erwähnt, nicht nur für Marketing, PR und Journalismus, wo schon lange bekannt ist, dass es darauf ankommt, wie (Werbe-)Botschaften formuliert und präsentiert werden. Es gilt auch für die Bereiche Politik bzw. Internationale Beziehungen, und speziell für den Bereich der Sicherheitspolitik. Philologen, Linguisten, Historiker, Kommunikations- und Geisteswissenschaftler im Allgemeinen können hier durchaus einen relevanten Beitrag leisten. Dieser Artikel soll deshalb auch als Appell verstanden werden, interdisziplinäres Arbeiten mehr zu fördern und die Bereitschaft zu stärken, sich mit sich selbst, sowie den betroffenen Gesellschaften und Menschen auseinanderzusetzen.

Titelfoto: pixabay/Unsplash, Montage sipol.at

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Zum Weiterlesen

EU Institute for Strategic Studies (2016): Strategic communications. East and South. Report No. 30/July 2016, online unter: http://www.iss.europa.eu/uploads/media/Report_30_Stratcoms.pdf [zugegriffen am 19.03.2017].

Janicki, Karol (2015): Language and Conflict. Selected Issues. Palgrave: London.

Wehling, Elisabeth (2016): Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet — und daraus Politik macht. Halem: Köln.

Wodak, Ruth (2016): Politik mit der Angst: Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse. Edition Konturen: Wien/Hamburg.

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Hanna Grininger

Hanna Grininger

Hanna studiert Interdisziplinäre Osteuropastudien und Romanistik im Master an der Universität Wien. Sie arbeitet über disziplinäre Grenzen hinweg und mag alles was mit Diskursen zu tun hat. Sie würde am liebsten alle Sprachen lernen, interessiert sich aber auch für Internationale Beziehungen, Sicherheitspolitik und Konfliktforschung.

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