Die Ausrüstungsdebatte zur Bundeswehr: Vorbeigeschossen?

In Blog, English by Bernhard VölklLeave a Comment

Der Bundeswehr mangelt es an mehr als nur modernem Gerät: Ein Gastbeitrag von Paul Strobel. Der Autor ist Reserveoffiziersanwärter der Bundeswehr und arbeitet in einem wirtschaftspolitischen Think Tank in Berlin.

Eine lückenhafte Debatte

In den vergangenen Wochen wurde in Berlin überraschend viel über die Bundeswehr und die verteidigungspolitische Ausrichtung der Bundesrepublik gesprochen. Wer mit der deutschen Debatte über Militärisches – oder vielmehr, dem Mangel derselben – vertraut ist, weiß, dass das selten vorkommt. Grund für Optimismus? Leider nein.

Was war passiert? Am 20. Februar stellte der Wehrbeauftragte des Bundestages seinen Jahresbericht vor. Darin zeichnete er ein düsteres Bild über den Zustand der Bundeswehr. Im Fokus, einmal mehr, der Ausrüstungsstand. Eine Meldung am nächsten Tag fasste zusammen: „Der Bundeswehr fehlen Zelte und Schutzwesten“.

In den Folgetagen analysierte die Presse – zutreffend – dass es auch an bei den Hauptkampfsystemen hakt. Mangelnde Ersatzteile setzen Panzerbataillone außer Gefecht, Schiffe der Marine kämpfen mit langen Werftliegezeiten und bei den Helikoptern ist die Lage so angespannt, dass zur Ausbildung und Lizenzerhaltung auf Maschinen des ADAC zurückgegriffen werden muss. Das verunmöglicht nicht nur die Erfüllung des Kernauftrages der Bundeswehr, es bringt auch die internationalen Bündnisverpflichtungen bei NATO- und UN-Missionen in Gefahr.

Kurzzeitig geriet das Verteidigungsministerium so sehr unter Druck, dass im Zuge der Regierungsbildung in Berlin die Frage laut wurde, ob Ministerin von der Leyen ihren Posten erhalten könne. Sie konnte, und betont: „Wir können nicht in wenigen Jahren alles aufholen, was zuvor 25 Jahre lang abgebaut und gespart worden ist.“

Das ist zweifellos der Fall. Aber auch die öffentlich öffentliche Debatte weist Mängel auf: Kaum zur Sprache kam ein weiteres Problemfeld mit vielleicht noch schlimmeren Auswirkungen auf die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr:

Es sind dies „Führungsverhalten und Fehlerkultur“, die der Wehrbeauftragte kritisierte: „Immer wieder beklagen Soldatinnen und Soldaten, bestimmte Probleme wegen bestehender Regeln […] nicht lösen zu können. Dieses Gefühl bürokratischen Eingeengtseins nimmt zu. Damit wird das Prinzip des Führens mit Auftrag konterkariert. Stattdessen manifestiert sich zu oft eine Absicherungsmentalität, Dienst nach Vorschrift“ (Jahresbericht, S. 35).

Führungsverhalten und Fehlerkultur

So ein „Soft-Fact“ ist im Vergleich zu nicht funktionstüchtiger Ausrüstung leicht zu übersehen, doch das macht ihn um keinen Deut weniger wichtig. Eine Truppe, die das eigenständige Operieren verlernt, die keine Initiative und Kreativität zeigen darf, ist auch mit dem modernsten Gerät nicht zu gebrauchen.

Mehr noch: Eine moderne Führungskultur könnte deutlich zum Ziel der Ministerin beitragen, mehr junge Menschen für den Dienst in der Bundeswehr zu gewinnen. Das Image der Streitkräfte würde gestärkt und die Zufriedenheit der Soldatinnen und Soldaten im täglichen Dienst gefördert. Die wenigsten jungen Schulabgängerinnen und -abgänger wollen zu einer „Firma“ deren veraltete, mangelhafte oder gänzlich fehlende Hardware ein Dauerthema ist. Aber eine Armee in der man keinen Gestaltungsspielraum hat und deren Mitarbeiter frustriert sind und wenig Stolz auf ihre Arbeit haben – das schreckt sogar die letzten Idealisten ab.

Obendrein sollen die Bewerberinnen und Bewerber anscheinend alles von vornherein mitbringen. Der Wehrbeauftragte schreibt: „[…] deshalb sollte das Verantwortungsbewusstsein noch mehr als bisher bei der Personalauswahl Berücksichtigung finden. Die Fähigkeit zu Haltung, Achtung und Respekt und das Bewusstsein, selbst nicht unfehlbar zu sein, sind dabei wichtige Merkmale.“ (Jahresbericht, S.35/36).

Wieviel wollen wir jungen Menschen abverlangen? Müssen diese Werte nicht von der Rekrutierung an vorgelebt werden? Sollten sie nicht natürlicher Teil des Dienstes und der Ausbildung sein?

An Fähigkeit und Eigeninitiative der Soldatinnen und Soldaten mangelt es jedenfalls nicht. Der Jahresbericht erwähnt auch: „Dabei könnten viele selbstgemachte Regeln der Bundeswehr relativ einfach geändert werden. Die Experten für die Formulierung besserer Regeln sind an vielen Stellen die Soldatinnen und Soldaten selbst“ (Jahresbericht, S. 35). Es zeigt sich also einmal mehr, dass die Betroffenen selber am besten wissen wie sie ihre Arbeit gut erledigen. Allerdings muss man sich fragen, warum hier wieder von (besseren) Regeln die Sprache ist, wenn das Problem doch eben jene „Verregelung“ des Alltags ist? Anscheinend sitzt der Regelwerk-Reflex tief im gesamten bundesdeutschen politischen System, nicht nur im Verteidigungsministerium.

Eine neue Kultur im Umgang mit Fehlern

Das genaue Gegenteil wäre gefragt. Die Freiheit von überbordendem Regelwerk würde die Kreativität und Eigeninitiative der Soldatinnen und Soldaten fördern und so zweifellos auch zu einer gesteigerten Zufriedenheit mit ihrem Beruf führen. Die geforderten Werte von Haltung, Achtung, Respekt und Fehlerbewusstsein brauchen Raum zu wachsen. Wenn die Ausgestaltung des Dienstalltages den Führungskräften aller Ebenen selbst obliegt, wird dies zu einer neuen Führungskultur und im weiteren Verlauf zu einer neuen Fehlerkultur führen, die das Prinzip der Auftragstaktik mit Leben erfüllt. Denn nur wo die Freiheit herrscht, Fehler machen zu dürfen, kann auch aus ihnen gelernt werden. Eine Organisation die von Anfang an keine Fehler toleriert, muss daher geradezu auf der Stelle treten.

Dass es die Bundeswehr eigentlich besser kann, beweist sie selbst. Sie operiert da, wo es zählt, in ihren zahlreichen Einsätzen, besser als zu Hause. Der Bericht dazu: „Dabei beurteilten sie [die Soldatinnen und Soldaten, Anm.] das Führungsverhalten in den Einsätzen wesentlich besser als im Grundbetrieb. Führen mit Auftrag, klare Auftragserteilung, gegenseitiges Vertrauen, eine Umgebung, in der Fehler angstfrei eingestanden werden können, so lautete die Beschreibung der Situation in den Einsätzen“ (Jahresbericht, S. 35). Da bestätigt er sich also, der Verdacht, dass vertrauensvolle und moderne (!) Führungsarbeit besser umgesetzt werden, je weiter weg sich die Truppe von Berlin befindet. Das sollte uns zu denken geben.

Natürlich wächst eine neue Führungs- und Fehlerkultur nicht über Nacht und kann nicht einfach befohlen werden. Den Soldatinnen und Soldaten müsste das Vertrauen geschenkt werden, ihre Arbeit so selbstständig wie möglich im Sinne des Dienstherrn zu erfüllen. Ein solcher Kulturwandel braucht Zeit, um sich auf allen Führungsebenen zu festigen. Zwingend bedarf es auch der Bereitschaft, den Soldatinnen und Soldaten zuzuhören und von ihnen zu lernen.

Eine wichtige Baustelle für Ministerin von der Leyen ist damit klar ersichtlich: Eine Veränderung in der Führungskultur  kann nur von oben ausgehen. Nur im Verteidigungsministerium, nicht bei den jungen Bewerberinnen und Bewerbern, kann damit begonnen werden „nachgelagerten Dienststellen“ und ihren Soldatinnen und Soldaten das nötige Vertrauen entgegenzubringen. Leichtfallen wird das nicht, aber Lichtblicke auf die man aufbauen kann gibt es. Und dass man jenen Frauen und Männern Vertrauen schenken darf, die für unsere Sicherheit Sorge tragen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Man darf gespannt sein ob eine Ministerin, die im politischen Berlin ausgerechnet für ihren Kontrollzwang bekannt ist, dieses Problem angehen wird. Ein Erkennen und eine klare Zielansprache wären ein vielversprechender erster Schritt.


Beitragsbild: Bundesministerium der Verteidigung

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