Im dritten Kriegsjahr liefern sich ukrainische und russische Kräfte an der Frontlinie eine technologische Rüstungsspirale, die jeden bisherigen Maßstab sprengt. Nicht in der Luft zwischen Kampfjets. Nicht auf See zwischen Kriegsschiffen. Sondern zwischen handtellergroßen Plastikrahmen mit vier Motoren, einem Videosender und einem Sprengkopf im Wert von wenigen hundert Euro.
Die FPV-Drohne — First Person View, gesteuert per Videobrille — hat das Schlachtfeld verändert. Nicht evolutionär. Revolutionär.
Was ist eine FPV-Kampfdrohne?
FPV-Drohnen waren ursprünglich Sportgeräte. Rennpiloten nutzen sie auf Hinderniskursen, Filmemacher für cineastische Kameraflüge. Im Ukraine-Krieg wurde das Konzept militarisiert: Ein agiler Quadrocopter, gesteuert aus bis zu zehn Kilometern Entfernung, mit Echtzeit-Video und einer Nutzlast von 200–500 Gramm — Granate, Hohlladung, Brandmittel.
Was das bedeutet: Technologischer Vorsprung durch teure Großwaffensysteme verliert an strategischem Gewicht, wenn der Gegner für 500 Euro ein effektives Angriffsmittel bauen kann — in Massenproduktion, mit zivilen Bauteilen, unkontrollierbar über Sanktionen.
Das Technologierennen: Jammer vs. KI-Navigation
Frühe FPV-Drohnen hatten eine klare Schwäche: Sie brauchten eine ununterbrochene Funkverbindung zum Piloten. Elektronische Störsysteme (Jammer) konnten die Verbindung unterbrechen. Beide Seiten rüsteten auf — Jammer wurden stärker, Frequenzen wurden gespreizt, Protokolle verschlüsselt.
Die nächste Eskalationsstufe: Drohnen mit KI-basierter Navigation, die ohne Funkkontakt autonom zum Ziel fliegen. Das optische System erkennt den Zieltyp — Fahrzeug, Bunker, Mensch — und schlägt selbständig ein. "Fire and forget" auf dem Schlachtfeld.
Die Konsequenz ist tiefgreifend: Jammen hilft dann nicht mehr. Das Gegenmaßnahmen-Arsenal muss grundlegend neu gedacht werden — von kinetischen Abwehrsystemen über Lasern bis hin zu KI-gesteuerten Gegen-Drohnen.
Was lernt Europa — und was lernt Österreich?
Europäische Streitkräfte haben jahrelang auf Großsysteme gesetzt: Kampfjets, Panzer, Artillerie. FPV-Drohnen tauchten in keiner NATO-Doktrin als strategische Waffe auf. Das ändert sich — aber langsam.
Deutschland hat 2025 ein FPV-Drohnenprogramm für die Bundeswehr gestartet. Frankreich testet autonome Schwärme. Polen — geographisch am stärksten exponiert — investiert massiv in Drohnenabwehr.
Österreich steht vor einem strukturellen Dilemma: Als neutraler Staat außerhalb der NATO fehlt der Zugang zu gemeinsamen Beschaffungsprogrammen und Intelligence-Sharing auf taktischer Ebene. Das Bundesheer modernisiert — zu langsam, mit zu wenig Budget, in einer sich zu schnell verändernden technologischen Landschaft.
Bürgerresilienz: Was kann der Einzelne wissen und tun?
Die Ukraine hat gezeigt, dass zivile Drohnenpiloten — ausgebildet im Sport — innerhalb von Wochen zu effektiven Operatoren wurden. Das Wissen ist öffentlich verfügbar. Die Bauteile kommen aus China, über Amazon, ohne Exportkontrolle.
Die sicherheitspolitische Frage, die sich daraus ergibt, ist unbequem aber notwendig: Sollte ein demokratischer Staat seine Bevölkerung auf eine Welt vorbereiten, in der konventionelle Landesverteidigung nicht mehr allein staatlichen Institutionen vorbehalten ist?
"Comprehensive Defence" — wie es Finnland, Schweden und die Schweiz praktizieren — bedeutet, dass Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Bevölkerung aktiv in die Resilienz eingebunden werden. Österreich hat dieses Konzept historisch verfolgt. Es ist Zeit, es für das 21. Jahrhundert neu zu definieren.
Das bedeutet nicht, Bürger zu bewaffnen. Es bedeutet: Wissen aufbauen, Fähigkeiten fördern, rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die technologische Resilienz ermöglichen.
Technologische Souveränität: Europas blinder Fleck
Nahezu alle zivilen Drohnenkomponenten — Motoren, Elektronik, Kameras — kommen aus China. DJI, der weltgrößte Drohnenhersteller, steht seit Jahren auf US-Sanktionslisten. Europa hat keine vergleichbare Industrie aufgebaut.
Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine strategische Abhängigkeit, vergleichbar mit der Energieabhängigkeit von russischem Gas — mit dem Unterschied, dass niemand darüber redet.
- Aufbau einer nationalen FPV-Drohnen-Produktionskapazität (dual-use)
- Einbindung der zivilen Drohnengemeinschaft in Resilienzdoktrin
- EU-weite Koordination für technologische Unabhängigkeit bei Schlüsselkomponenten
- Rechtlicher Rahmen für defensive Drohnennutzung durch Zivilschutz
- Ausbildungsprogramme: vom Sportpiloten zum Resilienz-Asset
Ausblick: Das Schlachtfeld 2028
In zwei Jahren werden FPV-Drohnen mit KI-Navigation Standard sein. Drohnenschwärme werden koordiniert, autonom und kaum abzufangen sein — außer durch ebenfalls KI-gesteuerte Gegenmaßnahmen. Das Rennen zwischen Angriff und Verteidigung beschleunigt sich.
Für Österreich bedeutet das: Die Frage ist nicht mehr ob man sich mit dieser Technologie beschäftigen muss. Die Frage ist nur noch, ob man es proaktiv tut — oder reaktiv, wenn der Ernstfall eintritt.
Sicherheitspolitik die erst reagiert, wenn die Drohne bereits fliegt, ist keine Sicherheitspolitik. Es ist Krisenmanagement.