„Die alten Mauern bröckeln. Plötzlich steht man zwischen Fronten und spürt, wie dünn die Decke der Zivilisation geworden ist. Haltegriffe, auf die man sich verlässt, werden locker. Im Rausche der Ereignisse erkennt man die Zeichen der Zeit oft zu spät."

Dieser Satz stammt nicht aus einem Philosophiebuch. Er wurde 2012 in Syrien gedacht — von einem Analytiker, der wenige Monate zuvor die Vorlesungen eines Medientheoretikers verlassen hatte, der genau diesen Moment vorhergesagt hatte.

Peter Weibel, Gründer und langjähriger Leiter des ZKM Karlsruhe, einer der scharfsinnigsten Denker an der Grenze zwischen Kunst, Medien und Macht, hatte 2011 in seinen Vorlesungen das beschrieben, was die empirischen Konfliktdaten ein Jahr später beweisen sollten: eine fundamentale Beschleunigung und Topologieveränderung des globalen Krieges.

Jetzt — 14 Jahre später — können wir mit 35 Jahren UCDP-Daten nachvollziehen, was er gesehen hat. Und es ist erschreckend präzise.

Was ist Dromologie?

Der Begriff stammt von Paul Virilio — dem französischen Architekten, Urbanisten und Kriegsphilosophen, der das Verhältnis von Geschwindigkeit und Macht sein Leben lang untersuchte. Dromologie (von griech. dromos: Lauf, Rennbahn) ist die Wissenschaft der Geschwindigkeit als politische Kraft.

Virilios zentrale These: Nicht wer am stärksten ist, gewinnt — sondern wer am schnellsten ist. Geschwindigkeit ist nicht Mittel des Krieges. Geschwindigkeit ist der Krieg. Die Eisenbahn, das Flugzeug, die Atombombe, das Internet — jede Beschleunigungstechnologie verändert die Geometrie der Macht fundamental.

Weibel hat Virilios Rahmen in den digitalen Raum erweitert: Wenn Medien Geschwindigkeit produzieren, produzieren sie auch Kriege. Die Geschwindigkeit der Information ist die Geschwindigkeit der Destabilisierung.

„Der Krieg beginnt nicht mit dem ersten Schuss. Er beginnt mit der ersten Übertragung."
— sinngemäß nach Paul Virilio, Krieg und Kino, 1984

Die Daten — 35 Jahre auf einen Blick

Das Uppsala Conflict Data Program (UCDP) hat seit 1989 jeden georeferenzierten Gewaltakt dokumentiert — 385.918 Ereignisse, 36 Jahre, alle Kontinente. Zusammen mit den Kandidaten-Daten für 2025 ergibt sich eine Zeitreihe, die dromologisch spricht.

Zwei Variablen sind besonders aufschlussreich: die Gesamtopferzahl — und die Lethalität pro Ereignis. Letztere misst, wie konzentriert oder verteilt Gewalt ist.

Jahr Todesopfer Ereignisse Lethalität¹ Kontext
198967.7112.62425,8Ende Kalter Krieg
1994824.1567.569108,9Ruanda-Genozid
199562.8414.69713,4Dayton-Abkommen
200138.3324.3638,89/11 — Global War on Terror
200521.0416.1253,4Tiefpunkt der Lethalität
201290.75918.5404,9⚡ Inflektionspunkt +179%
2014151.63025.9405,8ISIS-Peak / Maidan
2022309.63620.77414,9Ukraine-Invasion
2024160.90028.8165,6Peak Ereignisse
2025175.13727.3966,4604 aktive Konflikte ⚠️

¹ Todesopfer pro Ereignis (UCDP best estimate). Quelle: Uppsala Conflict Data Program, sipol Research Labs.

Der Inflektionspunkt: 2012

Die Zahl springt ins Auge: Von 41.251 Todesopfern 2011 auf 90.759 im Jahr 2012 — ein Anstieg von 179 Prozent in einem einzigen Jahr. Gleichzeitig explodiert die Ereigniszahl von 7.715 auf 18.540. Der Krieg wird nicht nur tödlicher — er wird häufiger.

Was geschah 2012? Syrien eskaliert zur offenen Rebellion und zum Bürgerkrieg. Libyen implodiert nach dem NATO-Eingriff. Mali bricht zusammen. Die ISIS-Vorläuferorganisationen gewinnen Territorium im Irak. Und über allem liegt das, was man damals noch nicht klar benennen konnte: die erste Generation von Smartphone-dokumentierten Kriegen, in der Rekrutierung, Koordination und Medienwirkung in Echtzeit verschmelzen.

Weibel hatte das 2011 beschrieben — nicht als Prognose im engeren Sinn, sondern als Konsequenz aus einer Logik, die er seit Jahrzehnten verfolgte: Wenn die Geschwindigkeit der Medien die Geschwindigkeit der Institutionen übersteigt, kollabieren die Institutionen. Der Arabische Frühling war nicht die Revolution — er war das Signal. Das Rauschen kam danach.

Die Topologieveränderung — Hadids Architektur des Krieges

Die Lethalitätszahl erzählt eine zweite Geschichte, die subtiler ist.

1994, im Ruanda-Genozid: 108,9 Todesopfer pro Ereignis. Konzentrierte, analoge Gewalt. Machete, Nähe, Lokalität. Der Körper als Waffe, der Raum als Begrenzung.

2005, auf dem Tiefpunkt: 3,4. Der IED am Straßenrand im Irak. Chirurgisch, verteilt, netzwerkartig. Kein Schlachtfeld mehr — nur Punkte im Raum, die aufleuchten und erlöschen.

2022, Ukraine: 14,9. Artillerie, Drohnen, Raketeneinschläge. Industriell, aber wieder konzentriert auf geografische Räume.

Das ist keine lineare Beschleunigung. Das ist eine Topologieveränderung — im Sinne Zaha Hadids parametrischer Geometrie, in der es keine stabilen Linien gibt, nur Gradienten, Faltungen, Übergänge ohne scharfe Kanten.

Manfredo Tafuri hat Architektur als eingefrorene Geschichte beschrieben. Wolff-Plottegg hat dagegen gehalten: Architektur als gefalteter Raum ohne Innen und Außen, ohne feste Front. Das ist präzise das Bild des modernen Krieges: keine Frontlinie mehr — nur Intensitätsgefälle in einem kontinuierlichen Feld.

Das Paradox der Dromologie 2025:
  • 2025 gibt es 604 aktive Konflikte — fast doppelt so viele wie 2024
  • Die Lethalität pro Ereignis ist niedrig (6,4) — Krieg ist verteilt
  • Aber die Gesamtopferzahl steigt: 175.137 Todesopfer
  • Quantität ersetzt Konzentration — tausend kleine Flammen statt eines Feuersturms

Syrien 2012: Warten auf Armageddon

Ein österreichischer Analyst, der 2011 in Weibels Seminarraum gesessen hatte, fuhr 2012 nach Syrien. Er erwartete — wie viele — die entscheidende Konfrontation. Die Apokalypse, die Virilio beschrieben hatte: den Moment wo Geschwindigkeit in totale Destruktion kippt.

Was er vorfand, war anders. Die Fronten waren diffus. Alles gleichzeitig, nirgends entscheidend. Milizen mit Smartphones. Kämpfer die morgens filmten und nachmittags hochluden. Der Krieg als Medienevent und physische Realität gleichzeitig — nicht nacheinander, sondern in derselben Sekunde.

„Die alten Mauern bröckeln. Plötzlich steht man zwischen Fronten und spürt, wie dünn die Decke der Zivilisation geworden ist. Haltegriffe, auf die man sich verlässt, werden locker. Im Rausche der Ereignisse erkennt man die Zeichen der Zeit oft zu spät."

Das ist keine Metapher. Das ist ein Lagebericht. Und zugleich eine präzise dromologische Diagnose: Die Geschwindigkeit der Ereignisse übersteigt die Kapazität der Wahrnehmung. Das limbische System — evolutionär ausgerichtet auf den Säbelzahntiger vor dir — versagt gegenüber einem Krieg der überall und nirgends ist.

Der Corpus Callosum, die Brücke zwischen analytischem und intuitivem Denken, schafft die Integration nicht mehr in Echtzeit. Man erkennt Muster — aber zu spät, um zu handeln. Das ist Virilios „Ästhetik des Verschwindens": Dinge bewegen sich so schnell, dass sie dematerialisieren bevor man sie greifen kann.

Was die Daten nicht zeigen — und was das bedeutet

UCDP misst Gewaltakte mit mindestens einer Kampftodopfer. Es misst nicht: wirtschaftliche Kriegsführung, Cyberangriffe, Desinformation, erzwungene Migration als Waffe, Handelsblockaden, Drohungen unter der Schwelle bewaffneter Gewalt.

Das bedeutet: Die 176.962 Todesopfer 2025 und die 604 aktiven Konflikte sind die sichtbare Spitze eines viel größeren Eisbergs. Was Weibel als „Krieg unterhalb der Wahrnehmungsschwelle" beschrieben hat — die unsichtbare Kriegsführung durch Geschwindigkeit selbst — ist in keiner Datenbank erfasst.

Die russische Desinformationskampagne kostet keine Menschenleben im UCDP-Sinne. Sie verändert Wahlen. Der chinesische Salt-Typhoon-Hack der US-Telekommunikationsnetzwerke 2024 — kein einziger Toter, aber eine strategische Penetration ohne Beispiel.

Virilio hatte recht: Der gefährlichste Krieg ist der, den man nicht erkennt als Krieg.

Die Beschleunigung hat eine Struktur

Was die 35-Jahres-Analyse zeigt, ist keine chaotische Zunahme. Es gibt eine Struktur:

Epoche 1 (1989–2000): Post-Kalter-Krieg-Chaos. Hohe Lethalität pro Ereignis (20–30+). Konzentrierte Gewalt. Ruanda ist der Extrempunkt. Der Krieg ist noch analog, lokal, körperlich.

Epoche 2 (2001–2011): Der asymmetrische Krieg. Niedrige Lethalität (3–8). IEDs, Guerilla, Aufstandsbekämpfung. Viele Ereignisse, wenige Tote pro Ereignis. Technologie dezentralisiert Gewalt.

Epoche 3 (2012–heute): Der Netzwerkkrieg. Explosion der Ereigniszahl bei moderater Lethalität — aber wachsender Gesamtopferzahl. Smartphone, Social Media und Drohnen verschmelzen. 2022 überwältigt Ukraine als industrieller Einschlag den Trend — aber der Trend geht weiter darunter.

Der Übergang zwischen Epoche 2 und 3 ist 2012. Das ist Weibels Inflektionspunkt — empirisch bestätigt.

Drei dromologische Epochen:
  • 1989–2000: Konzentrierte Gewalt — hohe Lethalität, wenige Ereignisse. Machete, Artillerie.
  • 2001–2011: Dezentralisierte Gewalt — niedrige Lethalität, mehr Ereignisse. IED, Aufstandsbekämpfung.
  • 2012–heute: Verteilte Netzwerkgewalt — moderate Lethalität, Explosion der Ereignisse und Konfliktzahl. Drohne, Hack, Deepfake.

Was kommt nach der Beschleunigung?

604 aktive Konflikte 2025. Das ist nicht das Ende einer Kurve — das ist eine neue Normalität in der Entstehung.

Virilio hat gewarnt: Die Endform der Dromologie ist der „reine Krieg" — Krieg als permanenter Zustand, ohne Erklärung, ohne Ende, ohne Schlachtfeld. Überall und nirgends. Ein Zustand in dem Frieden nur die Pause zwischen Eskalationen ist, nicht die Norm.

Die Frage ist nicht ob diese Entwicklung reversibel ist. Die Frage ist: Können wir die Zeichen rechtzeitig erkennen — bevor uns der Rausch der Ereignisse wieder überholt?

Weibel hat 2011 gesehen was 2012 passieren würde. Nicht weil er Daten hatte — sondern weil er die Logik der Beschleunigung verstand. Das Archiv seiner Vorlesungen — handschriftlich festgehalten in Moleskine-Büchern aus einer Zeit, in der jemand in einen Krieg fuhr und auf Armageddon wartete — könnte zeigen, was er noch für die nächste Epoche vorhergesagt hat.

Das wäre es wert, aufzuarbeiten.

Quellen & Weiterführendes