Die Geschichte des iranischen Nuklearprogramms ist eine Geschichte des Versteckens, Verhandelns, Eskalierens und Scheiterns. Seit Reza Schah in den 1970er Jahren erste Reaktoren bestellte, hat der Iran mit der Technologie gespielt — und der Westen mit Sanktionen, Diplomatie und zuletzt mit Bomben geantwortet. Im Sommer 2025 wurde ein Rubikon überschritten: Erstmals in der Geschichte bombardierten die Vereinigten Staaten eine Nation mit dem Ziel, deren Nuklearprogramm physisch zu zerstören. Und wenige Monate später antwortete Teheran mit einem Schachzug, der die geopolitische Architektur auf Jahre prägen könnte: dem trilateralen Strategiepakt mit Russland und China vom 29. Jänner 2026.
I. Das Programm vor dem Angriff — wie nah war Iran an der Bombe?
Um den Sommer 2025 zu verstehen, muss man verstehen, was Iran in den Jahren davor aufgebaut hatte. Nach dem einseitigen US-Ausstieg aus dem Atomabkommen JCPOA im Mai 2018 — eines der folgenschwersten außenpolitischen Entscheidungen der Trump-Administration — begann Teheran schrittweise, die vereinbarten Grenzen zu überschreiten.
Bis Mitte 2025 hatte Iran laut IAEO-Berichten sein Nuklearmaterial auf ein Niveau angereichert, das die Behörde als unmittelbar besorgniserregend einstufte:
| Parameter | JCPOA-Limit (2015) | Status Mai 2025 |
|---|---|---|
| Anreicherungsgrad | 3,67 % | 60 % (waffenrelevant ab 90 %) |
| Angereichertes Uran gesamt | 202,8 kg | Mehrere Tausend kg |
| Potenzielle Atomwaffen (Stockpile) | — | Material für 9 Waffen (IAEA) |
| Breakout-Zeit (zu 90 %) | ca. 1 Jahr | ~1–2 Wochen |
| IAEA-Überwachung | umfassend | stark eingeschränkt |
Das Institut für Wissenschaft und Internationale Sicherheit (ISIS) fasste die Lage im Mai 2025 in drastischen Worten zusammen: Iran vollziehe „vor den Augen der Inspektoren den nahezu letzten Schritt des Breakouts" — indem es seinen 20-Prozent-Bestand in rasch wachsendem Ausmaß auf 60 Prozent anreicherte.
Das US-Außenministerium und die IAEA waren sich dennoch in einem Punkt einig: Iran hatte noch keine formelle Entscheidung getroffen, tatsächlich eine Atomwaffe zu bauen. Die technische Fähigkeit war da; der politische Wille war — zumindest offiziell — nicht nachgewiesen. Diese Unterscheidung sollte im Sommer 2025 bedeutungslos werden.
II. Der 13. Juni 2025: Israel schlägt zu
Am Morgen des 13. Juni 2025 startete die israelische Luftwaffe einen der komplexesten Militäreinsätze ihrer Geschichte. Ziele: die Natanz-Anlage (unterirdische Zentrifugenhalle, Stromversorgung, Stützgebäude), mehrere Raketensilos, Luftverteidigungsstellungen und — was die Welt elektrisierte — prominente Militärführer, Nuklearwissenschafter und Politiker. Die IAEA bestätigte, dass die unterirdische Zentrifugenhalle in Natanz durch die Angriffe getroffen wurde.
Israel hatte seit Jahrzehnten eine Politik des Never Again verfolgt — das Versprechen, eine iranische Atombombe um jeden Preis zu verhindern. Die Angriffe vom 13. Juni waren die Einlösung dieses Versprechens. Iran befand sich de facto im Krieg mit Israel.
III. Operation Midnight Hammer — 22. Juni 2025
Neun Tage nach dem israelischen Erstschlag verkündete Präsident Trump, die US Air Force und Navy hätten in einer Nacht drei Nuklearanlagen Irans bombardiert. „Operation Midnight Hammer" — der Name allein war eine Botschaft.
Die Ziele und eingesetzten Mittel:
| Anlage | Funktion | US-Waffe |
|---|---|---|
| Fordow | Unterirdische Urananreicherung (tief in Fels gebohrt) | GBU-57 MOP (Massive Ordnance Penetrator, 14 Tonnen) |
| Natanz | Hauptanreicherungsanlage | BGM-109 Tomahawk Marschflugkörper |
| Isfahan | Urankonversion & Lagerstätte (HEU) | Tomahawk Marschflugkörper |
Die Arms Control Association dokumentierte die Erstverwendung des GBU-57 im Kriegseinsatz: eine 13.600-Kilogramm-Bombe, entwickelt genau für diesen Zweck — das Durchschlagen tief vergrabener Bunkeranlagen. Fordow war für Jahre als unzerstörbar gegolten. Die Frage war, ob der MOP tief genug eindringen konnte.
Trump erklärte danach, die USA hätten das iranische Nuklearprogramm „sehr schnell und sehr machtvoll vernichtet." Die technische Realität war komplexer. Nach Einschätzung von CSIS und ISIS wurden die Anlagen erheblich beschädigt, aber nicht vollständig und dauerhaft zerstört. Natanz und Isfahan sind reparierbar. Fordow ist das kritische Fragezeichen: Wenn der MOP die tiefsten Kammern erreicht hat, sind die Zentrifugen vernichtet. Wenn nicht, können sie — in Monaten oder Jahren — wieder anlaufen.
Was bleibt: Das Nuklearprogramm nach Midnight Hammer
Die entscheidende Frage für die Zukunft: Wie lange dauert es, bis Iran wieder in der Lage wäre, eine Bombe zu bauen?
- Physische Rekonstruktion: Natanz und Isfahan: 2–4 Jahre. Fordow: unklar; wenn tief genug getroffen, möglicherweise dauerhaft nicht nutzbar.
- Anreichertes Uran: Der Stockpile bestand aus tausenden Kilogramm angereichertem Material. Nicht alles war in Isfahan gelagert. Was überlebt hat, ist unklar.
- Wissen: Das Wissen der Ingenieure und Wissenschafter ist unzerstörbar — soweit sie nicht selbst getötet wurden. Berichte sprechen von gezielten Tötungen führender Nuklearwissenschafter durch Israel.
- Politischer Wille: Die Angriffe haben den Druck auf Teheran erhöht, einen Deal zu suchen. Gleichzeitig gibt es in der iranischen Führung jene, die argumentieren, der Angriff beweise, dass nur eine fertige Bombe weiteren Angriff verhindern könnte — das nordkoreanische Argument.
„Der Angriff hat zwei Jahrzehnte Aufbauarbeit zerstört. Aber er hat auch gezeigt: Wer keine Bombe hat, wird angegriffen. Wer eine hat, wird in Ruhe gelassen. Das ist die Lehre, die Teheran ziehen könnte."
— Sicherheitspolitischer Analyst, Washington Institute for Near East Policy
IV. Irans Reaktion: Pivot nach Osten
Der Iran reagierte auf seine militärische Niederlage mit einem strategischen Manöver, das bereits seit Jahren vorbereitet worden war: dem vollständigen Schwenk hin zu Russland und China — dem Blick nach Osten.
Das Iran-Russland-Abkommen: Jänner 2025
Bereits im Jänner 2025, wenige Monate vor dem Krieg, hatten Iran und Russland einen 20-jährigen Umfassenden Strategischen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet. Dieser enthält zwar keine gegenseitige Verteidigungsklausel — ein entscheidender Unterschied zu einem Nato-Artikel-5-Äquivalent —, verpflichtet die Parteien aber zu:
- Kooperation gegen gemeinsame Militärbedrohungen
- Austausch von Militärtechnologie
- Koordinierten Maßnahmen zur Umgehung westlicher Sanktionen
- Wirtschaftlicher Integration (Energiehandel, Finanzkanäle)
Die Praxis zeigte jedoch auch die Grenzen dieser Partnerschaft. Als Israel und die USA im Juni 2025 iranische Anlagen bombardierten, blieb Russland auffallend still. China ebenfalls. Die Christian Science Monitor fasste es treffend zusammen: „Iran relies on China and Russia. They didn't show up for its fight with Israel." Das Partnerschaftsabkommen hatte keinen Beistandscharakter — und Moskau wie Peking hatten eigene Kalkulationen, die einen direkten Konflikt mit Israel/USA ausschlossen.
Der trilaterale Pakt: 29. Jänner 2026
Drei Wochen vor Redaktionsschluss dieses Artikels, am 29. Jänner 2026, unterzeichneten Iran, Russland und China einen Trilateralen Strategischen Pakt. Das Dokument ist das bisher weitreichendste Bekenntnis der drei Mächte zu einer koordinierten Gegenarchitektur zur westlich dominierten Weltordnung.
Kernelemente:
- Antiwestliche Koalitionsbildung: Gemeinsame Opposition gegen westliche Militärdominanz und wirtschaftlichen Zwang
- Sanktionsschutzwall: Einheitliche Haltung gegen Neuauferlegung oder Ausweitung von Sanktionen
- Koordinierte Verteidigungsplanung und Geheimdienstaustausch
- Wirtschaftliche Integration: Zahlungskanäle außerhalb des SWIFT-Systems, Energiehandel in nationalen Währungen
- Narrative Koordination: Staatliche Medien (RT, CGTN, IRNA) als koordiniertes Informationssystem
Staatliche Medien aller drei Länder bezeichneten den Pakt als „Eckpfeiler einer neuen multipolaren Weltordnung." Der Westen nahm ihn auffallend wenig zur Kenntnis — was angesichts seiner strategischen Tragweite ein Fehler sein könnte.
V. Das CRINK-Phänomen: China, Russland, Iran, Nordkorea
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) prägte den Begriff CRINK — China, Russia, Iran, North Korea — für die emergierende strategische Allianz dieser vier Mächte. Es ist keine formalisierte Allianz mit gemeinsamen Kommandostrukturen; es ist ein Netzwerk geteilter Interessen, koordinierter Aktionen und gemeinsamer Feinde.
Was die CRINK-Mächte verbindet:
- Sanktionsumgehung: Alle vier Länder stehen unter westlichen Sanktionen; ihre bilateralen Handelsvolumina wachsen rapide.
- Rüstungskooperation: Nordkorea liefert Artilleriemunition an Russland; Iran liefert Shahed-Drohnen; China liefert Dual-Use-Güter; Russland gibt Technologien weiter.
- Informationskriegsführung: RT (Russland), CGTN (China), Press TV (Iran), KCNA (Nordkorea) operieren als koordiniertes Propaganda-Ökosystem.
- Anti-SWIFT-Infrastruktur: Gemeinsame Entwicklung von Zahlungssystemen außerhalb westlicher Kontrolle.
Die Washington Institute for Near East Policy warnte jedoch auch vor einer Überschätzung des CRINK-Zusammenhalts. China hat eigene wirtschaftliche Interessen — es importiert arabisches Öl und will keinen Flächenbrand im Nahen Osten. Russland kämpft in der Ukraine und braucht iranische Drohnen, liefert aber keine Flugsicherheitsgarantien. Nordkorea ist nuklear gesättigt und will primär Wirtschaftshilfe. Die Achse ist real — aber sie ist kein Militärbündnis.
VI. Nuklearverhandlungen nach Midnight Hammer: Was ist noch möglich?
Nach dem Angriff sendet Teheran ambivalente Signale. Einerseits erklärte Trump, Iran wolle „einen Deal". Andererseits gibt es in der iranischen Führung starke Kräfte, die argumentieren, der Angriff habe die Position gezeigt, die man einnehmen muss — nuklear bewaffnet, wie Nordkorea, das nie angegriffen wurde.
Die IAEA-Resolution vom Dezember 2025 und US-Positionen machen deutlich: Washington besteht auf einem vollständigen Verzicht auf Urananreicherung — einer Bedingung, die Teheran bislang als rote Linie bezeichnet hat. Ein Deal auf dieser Grundlage setzt eine innenpolitische Entscheidung voraus, die derzeit — vor dem Hintergrund der Massenproteste und der Legitimitätskrise des Regimes — unwahrscheinlich erscheint.
VII. Strategische Implikationen für Europa und Österreich
Der trilaterale Pakt vom 29. Jänner 2026 verändert das strategische Umfeld Europas grundlegend. Eine formell koordinierte Gegenachse aus einer Atommacht (Russland), der größten Volkswirtschaft außerhalb des Westens (China) und einer Regional-Großmacht (Iran) ist keine abstrakte Bedrohung — sie hat unmittelbare Konsequenzen:
- Energiepolitik: Iran, Russland und China kontrollieren zusammen einen erheblichen Teil der globalen Energieproduktion und -transit-Routen. Koordinierte Preisstrategien könnten europäische Märkte destabilisieren.
- Technologietransfer: Russisch-chinesisch-iranische Rüstungskooperation produziert Waffensysteme, die in Europa und beim ukrainischen Gegner eingesetzt werden.
- Informationsraum: Die koordinierte Desinformationsstrategie der CRINK-Staaten zielt auf europäische Demokratien — Wahlen, Migrationsdebatte, Verteidigungsausgaben.
- Nukleares Restrisiko: Ein Iran, der entscheidet, das Programm geheim und tief im Untergrund neu aufzubauen, ist schwerer zu erkennen und schwerer anzugreifen als einer mit bekannten Anlagen.
Für Österreich gilt: Der Grundsatz außenpolitischer Neutralität kann nicht bedeuten, die strategische Realität zu ignorieren. Wien hat traditionell Gesprächskanäle nach Teheran gepflegt. Diese Kanäle haben nach wie vor Wert — aber nur, wenn sie in eine kohärente europäische Iran-Strategie eingebettet sind, nicht als Ersatz für eine solche.
Quellenverzeichnis:
IAEA: Iran Safeguards Verification Reports 2024/2025 ·
Arms Control Association: Israel and U.S. Strike Iran's Nuclear Program (Juli 2025) ·
Arms Control Association: IAEA Resolution on Iran (Dez. 2025) ·
ISIS Nuclear Security: IAEA Iran Report Analysis (Mai 2025) ·
CSIS: Operation Midnight Hammer Analysis (Aug. 2025) ·
CFR: U.S., Israel Attack Iranian Nuclear Targets (Juni 2025) ·
Wikipedia: US Strikes on Iranian Nuclear Sites ·
Wikipedia: Iran–Israel war 2025 ·
Middle East Monitor: Trilateraler Pakt Iran-China-Russland (Jan. 2026) ·
CSMonitor: China and Russia didn't show up for Iran's fight (Juni 2025) ·
CSIS: CRINK Axis Analysis (Okt. 2025) ·
Washington Institute: Iran's Failing Eastward Pivot ·
House of Commons Library: Iran nuclear programme briefing (Feb. 2026) ·
LVAk/IFK: Fact Sheet Iran 1/2026 (Habibi Doroh, Posch)