Am 7. Oktober 2023 überrannten Hamas-Kämpfer den Gaza-Sicherheitszaun und töteten in wenigen Stunden mehr als 1.200 israelische Staatsbürger — der schlimmste Angriff auf Juden seit dem Holocaust. Was in den westlichen Medien als Überraschungsangriff einer palästinensischen Miliz dargestellt wurde, war in Wahrheit die Speerspitze eines Jahrzehnte langen, von Teheran orchestrierten Systems. Dieses System — die sogenannte Achse des Widerstands (arabisch: محور المقاومة, Mihwar al-Muqawama) — verknüpft Iran mit Hisbollah im Libanon, Hamas im Gaza-Streifen, den Huthis im Jemen, palästinensischen Djihadgruppen und schiitischen Milizen in Irak und Syrien zu einem losen, aber wirkungsvollen Netzwerk.
Dieser Artikel analysiert die Architektur dieses Systems: wer es aufgebaut hat, wie es finanziert wird, welche Rolle Qatar als Doppelspieler einnimmt — und wie die systematische Köpfung der Führungsebene durch Israel zwischen 2024 und 2025 das System verändert hat.
I. Die Schaltzentrale: Die Quds Force des IRGC
Verstehen lässt sich das iranische Proxy-Netzwerk nur, wenn man seinen organisatorischen Kern versteht: die Quds Force (arabisch: قوة القدس, „Jerusalem-Kraft"), ein Sonderverband der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC). US-General Stanley McChrystal, der die Quds Force im Irak jahrelang bekämpfte, beschrieb sie als Kombination aus CIA und JSOC — Geheimdienstoperationen und direktes Kampfhandeln unter einem Dach.
Die Quds Force ist für alle Auslandsoperationen des IRGC zuständig. Sie unterhält Verbindungsoffiziere bei allen Proxy-Organisationen, koordiniert Waffenlieferungen, Training und Finanzierung, und führt im Bedarfsfall selbst Sonderoperationen durch. Mit geschätzten 10.000–20.000 Mitgliedern ist sie klein, aber präzise und hochmotiviert.
Ihr langjähriger Kommandeur war Generalmajor Qasem Soleimani — wohl der mächtigste Militäroffizier des Nahen Ostens außerhalb der regulären Armeen. Soleimani hatte in 20 Jahren das gesamte Proxy-Netzwerk aufgebaut, persönliche Beziehungen zu allen Milizführern gepflegt und strategische Entscheidungen getroffen, die die Geopolitik der Region formten.
Soleimanis Tod durch einen US-Drohnenschlag am Bagdader Flughafen am 3. Jänner 2020 war die tiefste Wunde, die das System bis dahin erlitten hatte. Doch er hatte eine Infrastruktur hinterlassen, die nicht mit einer Person stand oder fiel.
II. Die Architektur des Netzwerks
Die Achse des Widerstands ist kein monolithisches Kommandosystem. Sie ist ein Netzwerk mit unterschiedlichen Autonomiegraden — manche Gruppen sind enger an Teheran gebunden (Hisbollah), andere agieren strategisch eigenständig (Hamas).
Hisbollah — Irans Eliteproxy
Hisbollah wurde 1982 durch die Quds Force in der libanesischen Bekaa-Ebene gegründet — als Reaktion auf die israelische Invasion des Libanon. Vierzig Jahre später war sie zur schlagkräftigsten nichtstaatlichen Armee der Welt geworden: mit einem Arsenal von über 150.000 Raketen und Marschflugkörpern, eigenen Drohneneinheiten, Elitespezialkräften (Radwan-Einheiten) und einer parallelen Staatstruktur im Libanon, die Schulen, Krankenhäuser und Sozialleistungen für die schiitische Bevölkerung bereitstellt.
Finanziert wird Hisbollah primär durch Iran: geschätzte 700 Millionen US-Dollar jährlich, ergänzt durch eigene Wirtschaftsaktivitäten (Drogenhandel, Geldwäsche, Schutzgeld), schiitische Spendengelder aus der Diaspora und — wie US-Ermittler dokumentierten — durch den direkten Schmuggel von Bargeld. Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf das US-Finanzministerium, die Quds Force habe über eine Milliarde US-Dollar seit Jänner 2025 über die Vereinigten Arabischen Emirate an Hisbollah geschleust.
Nasrallahs Tod im September 2024 war der schwerste Schlag gegen Hisbollah seit ihrer Gründung. Er hatte die Organisation 32 Jahre lang geführt. Mit ihm starben in den Wochen davor und danach mehrere Dutzend hochrangige Kommandeure — Israel hatte offenbar jahrelang an der Penetration des Hisbollah-Kommunikationssystems gearbeitet. Der berühmte Pager-Angriff vom September 2024, bei dem durch manipulierte Kommunikationsgeräte Dutzende Hisbollah-Mitglieder gleichzeitig verletzt oder getötet wurden, illustrierte die Tiefe dieser Infiltration.
Hamas — das politische Instrument
Hamas (Harakat al-Muqawama al-Islamiyya, Islamische Widerstandsbewegung) entstand 1987 als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft. Die Beziehung zu Iran ist ideologisch kompliziert — Hamas ist sunnitisch, Iran ist schiitisch — hat aber seit den 1990er Jahren eine pragmatische Basis: gemeinsame Feindschaft zu Israel.
Das Hamas-Jahresbudget wurde zuletzt auf 300–500 Millionen US-Dollar geschätzt, mit Iran als primärem staatlichen Geldgeber (ca. 100 Millionen jährlich), ergänzt durch Qatar (politische Unterstützung und Finanztransfers), Steuern auf Waren, die durch die Gaza-Tunnel fließen, Kryptowährungstransaktionen und internationale Spenden über islamische Wohlfahrtsorganisationen.
III. Das Finanzierungssystem — wie das Geld wirklich fließt
Das Verständnis des Geldflusses ist entscheidend für das Verständnis des Systems. Iran kann Hisbollah und Hamas nicht einfach Banküberweisungen schicken — alle beteiligten Parteien stehen unter US-Sanktionen, die Konten wären sofort eingefroren. Stattdessen hat die Quds Force ein hochentwickeltes System informeller Wertübertragung entwickelt, das auf mehreren parallelen Kanälen operiert.
Hawala: kein physischer Geldfluss; Schuldenverrechnung über Vertrauensnetzwerke. US-Ermittler deckten Ringe auf, die hunderte Millionen Dollar in Bargeld lieferten.
Die IDF dokumentierte nach Targeted Killings von Hisbollah-Finanzchefs die genauen Offsets: Dubai ↔ Beirut, Istanbul ↔ Beirut. Kein physischer Transfer — Schuldenverrechnung.
US-Finanzministerium: >1 Milliarde USD über UAE an Hisbollah seit Jänner 2025 (WSJ). Ausnutzung von Regulierungslücken im emiratischen Bankensystem.
Verwendung von USDT (Tether), Monero (Privatsphäre) und Bitcoin. US-Justizministerium beschlagnahmte mehrfach Wallets im zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich.
IV. Qatar: Der Doppelspieler
Keine Analyse des Hamas-Finanzierungssystems ist vollständig ohne Qatar. Das Emirat nimmt eine einzigartige Doppelrolle ein, die Verbündete und Gegner gleichermaßen frustriert.
Auf der einen Seite: Qatar ist Gastgeber des US-Militärstützpunkts Camp as-Sayliyah — der größten amerikanischen Militärbasis im Nahen Osten, mit mehr als 10.000 US-Soldaten. Qatar ist ein formeller US-Verbündeter, Mitglied der Anti-ISIS-Koalition und einer der wichtigsten LNG-Lieferanten für Europa.
Auf der anderen Seite: Qatar beherbergt seit 2012 das Politbüro der Hamas in Doha — auf ausdrücklichen Wunsch der USA und Israels, die glaubten, ein politischer Hamas-Gesprächspartner mit Wohnadresse sei besser als keiner. Ismail Haniyeh, der Hamas-Politbürochef, lebte von 2017 bis zu seiner Ermordung im Jahr 2024 in Katar. Sein Vorgänger Khaled Mashal ebenso. Qatar finanzierte Hamas und stellte für die internationale Gemeinschaft gleichzeitig als einziger verlässlicher Gesprächskanal zu Hamas-Führung dar.
„Qatar hat beides gewollt: westliche Sicherheitsgarantien und islamistische Verbündete. Diese Strategie funktioniert, solange niemand zu klar nachfragt. Der 7. Oktober und Haniyehs Ermordung haben die Fragen lauter gemacht."
— The Conversation, Analyse zur qatarischen Vermittlerrolle (März 2025)
Die qatarische Doppelrolle erklärt sich durch die eigene strategische Vulnerabilität: Das kleine Emirat ist von Saudi-Arabien umgeben, mit dem es eine tiefe Rivalität pflegt (Blockade 2017–2021). Qatar braucht die USA als Sicherheitsgarant; Qatar braucht aber auch Spielraum im islamistischen Feld, um innenpolitisch legitimiert zu bleiben. Hamas war Teil dieses Spielraums. Seit Haniyehs Tod und Sinwars Eliminierung im Oktober 2024 ist die Hamas-Führung — soweit noch existent — dezimiert und fragmentiert. Qatar verlor seinen wichtigsten Hebel in Gaza.
V. Die gefallene Führung — Israels systematische Köpfungsstrategie
Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 eliminierte Israel nahezu die gesamte Führungsebene der Achse des Widerstands. Das war kein Zufall — es war das Ergebnis jahrelanger nachrichtendienstlicher Penetration, elektronischer Aufklärung und gezielter Tötungsoperationen.
Was Israel gelang, war militärisch beispiellos: die simultane Köpfung von Führungsebenen mehrerer Organisationen in wenigen Monaten. Die Pager-Operation im September 2024 — bei der manipulierte Geräte in der gesamten Hisbollah-Kommandokette gleichzeitig explodierten — war ein Lehrstück in Supply-Chain-Kompromittierung. Tausende Mitglieder wurden gleichzeitig verletzt; der psychologische Schock war immens.
VI. Der Syrien-Korridor: Das verlorene Herzstück der Lieferkette
Was für Hisbollah oft unterschätzt wird: Die physische Waffenversorgung lief jahrzehntelang durch Syrien. Die Route: Iran → Irak → Syrien → Libanon. Syriens Präsident Baschar al-Assad war dabei nicht nur Transitland, sondern strategischer Partner — er stellte Lagerplätze, Flughäfen und Konvoi-Schutz bereit.
Im Dezember 2024 fiel Assad. Die Rebellen unter HTS (Hayat Tahrir al-Sham) übernahmen Damaskus, der Korridor brach zusammen. Für Hisbollah — ohnehin von Israel militärisch schwer geschlagen, von Nasrallah enthauptet, von israelischen Bodentruppen im Süden Libanons zurückgedrängt — bedeutete dies den Verlust seiner wichtigsten Nachschublinie.
VII. Was bleibt — und was kommt
Das Bild, das sich 2026 zeigt, ist paradox: Die Achse des Widerstands hat die schwersten Verluste ihrer Geschichte erlitten — und besteht dennoch fort. Keine Organisation wurde vollständig zerstört. Hisbollah existiert. Hamas existiert. Die Huthis schießen weiterhin Raketen auf Israel und Schiffe im Roten Meer. Die schiitischen Milizen im Irak operieren.
Was sich fundamental verändert hat:
- Das Humint-Netzwerk Irans im Libanon ist tief kompromittiert — jemand hat die Standortdaten von Nasrallah und dutzenden Kommandeurspositionen geliefert.
- Der Syrien-Korridor ist weg — die Lieferkette für schwere Waffen an Hisbollah ist unterbrochen.
- Die Hamas-Führungsstruktur ist zerstört — wer nachfolgt, ist unklar; das verhandlungsführige Hamas-Politbüro existiert de facto nicht mehr.
- Iran selbst ist geschwächt — durch Proteste, Wirtschaftskrise und den Verlust seiner Nuklearanlagen (vorübergehend oder dauerhaft).
Gleichzeitig: Das ideologische Fundament der Achse ist nicht beseitigt. Die palästinensische Frage ist ungelöst. Die schiitischen Bevölkerungen in Libanon, Irak und Jemen haben keine Alternative zu ihren Milizstrukturen. Die Quds Force unter Ghaani baut neu auf. Und der trilaterale Pakt mit Russland und China gibt Iran strategische Rückdeckung, wenn auch keine militärischen Garantien.
„Man kann eine Miliz köpfen. Man kann ihre Arsenale bombardieren. Aber man kann eine Idee nicht mit einem Marschflugkörper treffen."
— Sicherheitspolitische Debatte, CFR, 2025
VIII. Was das für Europa bedeutet
Europa betrachtet den Nahen Osten oft als fernes Krisengebiet. Das ist eine gefährliche Fehlwahrnehmung. Die Achse des Widerstands hat direkte europäische Implikationen:
- Terrorfinanzierung auf europäischem Boden: Hisbollah-Finanzstrukturen operieren in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Österreich — über libanesische Diaspora-Netzwerke, Immobiliengeschäfte und Scheinfirmen. Das BKA hat mehrfach Netzwerke zerschlagen.
- Rotes Meer / Suez: Huthiangriffe auf den Schiffsverkehr haben die Frachtkosten für Europa deutlich erhöht und Lieferketten verlängert.
- Gaza-Flüchtlingsströme: Ein kollabierender Gazastreifen ohne politische Perspektive produziert Migrationsdruck, der über Ägypten und Libyen nach Europa führt.
- Radikalisierungsrisiko: Die Gaza-Bilder haben in Europa zu einer Radikalisierungswelle geführt, die Geheimdienste in Deutschland, Frankreich und Österreich als erhöhtes Inlandsrisiko einstufen.
Quellenverzeichnis:
Wikipedia: Quds Force — Struktur, Geschichte, Operationen ·
LVAk/IFK: Fact Sheet Iran 1/2026 (Habibi Doroh, Posch) — Primärquelle zu Protests/System ·
ACFCS: Hamas Funding Sources — Comprehensive Analysis ·
Reuters: Hamas – Cash to Crypto (Okt. 2023) ·
Wikipedia: Money laundering in Iran — Hawala-Netzwerke ·
Jerusalem Post: IDF kills key Hezbollah-Iran terror finance head ·
Jerusalem Post / WSJ: IRGC smuggled >$1B to Hezbollah through Dubai ·
Al Jazeera: Why does Qatar host Hamas's political office? (Sept. 2025) ·
Wikipedia: Ismail Haniyeh — Biografie und Ermordung ·
The Conversation: Qatar's diminishing mediation role (2025) ·
Times of Israel: Hamas-Qatar Koordinationsdokumente ·
Wikipedia: Ermordung Qasem Soleimani ·
Middle East Eye: Israeli strikes — Wer wurde getötet? (Juni 2025) ·
Jewish Onliner: Qatar and Iran — Strategic Partners in Proxy, Power, and Propaganda