Der Tag, an dem das Kartell zurückschlug
Sonntag, 22. Februar 2026, kurz vor Mittag. Soldaten des mexikanischen Heeres stürmen ein Anwesen im Bergdorf Tapalpa, Bundesstaat Jalisco. Das Ziel: Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, 59 Jahre, ehemaliger Polizist und Avocadobauer, meistgesuchter Verbrecherboss Mexikos — besser bekannt als „El Mencho". Er wird schwer verwundet. Noch auf dem Weg nach Mexiko-Stadt stirbt er.
Die Reaktion folgt innerhalb von Stunden. In acht Bundesstaaten — Jalisco, Colima, Michoacán, Nayarit, Guanajuato, Tamaulipas und weiteren — brennen Autos, werden Highways mit Trucks blockiert, greift die bewaffnete Miliz des Jalisco Nueva Generación Kartells (CJNG) Sicherheitskräfte an. Guadalajara, die drittgrößte Stadt Mexikos — und Gastgeberin der FIFA Weltmeisterschaft 2026 — ist eine Geisterstadt. Der Gouverneur von Jalisco verhängt Stufe Rot und sagt den öffentlichen Verkehr ab. Schulen bleiben am Montag geschlossen. Internationale Fluglinien canceln Verbindungen nach Puerto Vallarta und Guadalajara; ein Delta-Flug von Atlanta wird nach Austin umgeleitet.
Das US-Außenministerium gibt eine Shelter-in-Place-Warnung für US-Bürger in Jalisco, Tamaulipas, Michoacán, Guerrero und Nuevo León heraus. Kanada folgt mit einer Reisewarnung. Präsidentin Claudia Sheinbaum ruft zur Ruhe — und lobt die Sicherheitskräfte.
Was in diesen Stunden zu beobachten ist, ist kein Aufruhr. Es ist ein koordinierter Gegenschlag eines paramilitärischen Apparats — und der schärfste Beweis dafür, dass das CJNG kein Drogenkartell im klassischen Sinne mehr ist.
Das Imperium mit den vier Buchstaben
Das CJNG — von seinen Mitgliedern schlicht „das Unternehmen mit den vier Buchstaben" genannt — entstand um 2007 bis 2009 als Abspaltung des Sinaloa-Kartells. El Mencho, ehemaliger Polizist aus der Gegend um Guadalajara, baute es in weniger als zwei Jahrzehnten zur mächtigsten kriminellen Organisation Mexikos aus — nach Einschätzung des FBI sogar weltweit.
Das CJNG ist strukturell von anderen Kartellen verschieden. Während Organisationen wie die Sinaloa-Fraktion unter El Chapo auf Korruption und Kooptation setzten — Polizisten kaufen, Politiker bezahlen, dezent operieren — baute El Mencho auf militärische Stärke. Das Kartell verfügt über:
- Gepanzerte Fahrzeuge mit schweren Maschinengewehren, sogenannte „Monstruos"
- Drohnen für Aufklärung und als improvisierte Bombenträger
- Raketenwerfer — beim Einsatz vom 22. Februar beschlagnahmt
- Schusssichere Westen und militärische Kommunikationsausrüstung
- Eine dokumentierte Fähigkeit, Militärhubschrauber abzuschießen — zuletzt neun Tote
Das Kartell operiert in mehr als 25 der 32 mexikanischen Bundesstaaten und unterhält internationale Netzwerke in den USA, Europa, Australien und Südostasien. Es ist keine kriminelle Organisation. Es ist ein bewaffneter Nicht-Staatlicher Akteur — ein Begriff, den Sicherheitsanalysten sonst für islamistische Milizen oder afrikanische Rebellengruppen verwenden.
Fentanyl: Die chemische Waffe aus chinesischen Labors
Der strategische Kern des CJNG ist seine Kontrolle über den Fentanyl-Markt. Fentanyl ist hundertmal stärker als Heroin, einfacher zu transportieren, und die Gewinnmargen sind um ein Vielfaches höher. Ein Kilogramm Heroin bringt einige tausend Dollar. Ein Kilogramm Fentanyl — hergestellt aus Vorläuferchemikalien im Wert von wenigen hundert Dollar — kann auf dem US-Straßenmarkt Millionen einbringen.
Die Lieferkette funktioniert so: Vorläuferchemikalien werden in Containern aus China über den Hafen von Manzanillo, Jalisco, eingeführt. Dort verarbeiten CJNG-Labors sie zu Fentanyl, das in Pillen gepresst und über die mexikanische Grenze in die USA geschmuggelt wird — versteckt in Fahrzeugen, Paketen, Körpern. Das Ergebnis: Mehr als 70.000 Amerikaner sterben jährlich an Fentanylüberdosen — mehr als im Vietnamkrieg pro Dekade.
Die Verbindung nach China ist politisch explosiv. Die Trump-Administration wirft Peking vor, die Auslieferung von Vorläuferchemikalien stillschweigend zu dulden — oder aktiv zu fördern. China bestreitet dies. Die Realität: Chinesische Chemieunternehmen operieren in Grauzonen mit unzureichender staatlicher Kontrolle, und der Anreiz, Devisen zu verdienen, überwiegt den Anreiz zur Kooperation mit Washington. Fentanyl ist damit — gewollt oder nicht — zu einem geopolitischen Druckmittel geworden.
Trumps Terrorlisten-Kalkül
Im Februar 2025 designierte die Trump-Administration das CJNG und sechs weitere mexikanische Kartelle als ausländische terroristische Organisationen (FTO) — eine Einstufung, die bisher islamistischen Gruppen, der Hamas oder Hisbollah vorbehalten war. Die rechtliche Konsequenz: US-Behörden können Kartellmitglieder weltweit strafrechtlich verfolgen, Vermögen einfrieren, und — entscheidend — Militärgewalt gegen sie einsetzen.
Die Designation war kein rein juristischer Akt. Sie war ein strategisches Framing. Trumps Botschaft: Die Kartelle sind nicht Mexikos innere Angelegenheit — sie sind eine Bedrohung der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, und Washington behält sich das Recht vor, entsprechend zu handeln.
Konkrete Forderungen an Mexiko folgten rasch: Laut Leaks an die New York Times drängte Washington auf gemeinsame Operationen mit US-Spezialkräften an der Seite mexikanischer Truppen, auf Zugang zu Fentanyl-Labors, und diskutierte Drohnenangriffe auf mexikanischem Boden — eine Option, die eine direkte Verletzung der mexikanischen Souveränität darstellen würde. Der Einsatz vom 22. Februar 2026 erfolgte mit „komplementären Informationen" aus US-Quellen — die engste bisher öffentlich bestätigte Kooperation.
Trump hatte den Erfolg der Venezuela-Operation im Januar 2026 noch in frischer Erinnerung. Er verwies in derselben Woche dreimal öffentlich auf Mexiko: „Die Kartelle kontrollieren Mexiko. Irgendjemand muss etwas tun." Die Botschaft war eindeutig.
Sheinbaums Balanceakt: Souveränität als Schutzschild
Claudia Sheinbaum, Mexikos Präsidentin seit Oktober 2024, hat die schwierigste Machtbalance in der Geschichte des bilateralen Verhältnisses geerbt. Öffentlich verteidigt sie konsequent die mexikanische Souveränität — keine US-Soldaten auf mexikanischem Boden, kein direkter militärischer Eingriff Washingtons. Das ist innenpolitisch unverzichtbar: Mexiko hat eine tief verwurzelte Anti-Interventions-Doktrin, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.
Privat — so die Los Angeles Times — hat Sheinbaum weitreichende Konzessionen gemacht: beschleunigte Auslieferungen von Kartellmitgliedern an die USA (37 CJNG-Mitglieder wurden bereits überstellt), engere Geheimdienstkooperation, aggressive Militäroperationen wie jene vom 22. Februar. Sheinbaum verfolgt damit die Strategie, Washington ruhigzuhalten, bevor Trump die Option eines unilateralen Militärschlags ernsthaft in Betracht zieht.
Das Problem: Die „Kingpin-Strategie" — Kartellbosse eliminieren — ist für ihre Wirkungslosigkeit bekannt. Als El Chapo 2019 ausgeliefert wurde, implodierte das Sinaloa-Kartell nicht. Es fragmentierte sich in rivalisierende Fraktionen, die seither in einem blutigen Bürgerkrieg gegeneinander kämpfen und mehr zivile Opfer fordern als zuvor. Sheinbaum selbst hat diese Kritik geäußert: Die Köpfe zu köpfen, löse keine strukturellen Probleme. Die Gewalt vom 22. Februar bestätigt ihre Skepsis.
Nach El Mencho: Machtvakuum oder Konsolidierung?
El Menchos Tod reißt ein Machtvakuum auf, dessen Ausfüllung die mexikanische Sicherheitslage in den kommenden Monaten bestimmen wird. Zwei Szenarien sind denkbar:
Szenario 1: Fragmentierung. Das CJNG verliert seinen zentralen Kohäsionspunkt. Regionale Kommandeure, sogenannte „Líderes de Plaza", beginnen um Territorium und Einnahmen zu kämpfen. Die Gewalt steigt kurzfristig stark an. Neue kleinere Gruppen entstehen. Dieses Muster ist aus dem Post-Chapo-Sinaloa-Kartell gut bekannt.
Szenario 2: Konsolidierung. El Menchos engste Vertraute — darunter mutmaßlich seine eigenen Kinder, die als „Los Mencho" bekannt sind — übernehmen die Führung. Das CJNG ist institutionell robuster aufgebaut als etwa die Sinaloa-Fraktionen; es verfügt über eine militärische Hierarchie, nicht nur eine familiäre. In diesem Fall würde die Organisation nach einer Übergangsphase gefestigt aus der Krise hervorgehen.
Was sicher ist: Der koordinierte Gegenschlag innerhalb von Stunden nach El Menchos Tod zeigt, dass Strukturen und Befehle vorhanden waren. Das CJNG hat auf einen Moment wie diesen vorbereitet operiert. Das ist keine Organisation, die ohne ihren Kopf zusammenbricht.
Die FIFA-WM 2026 und die Sicherheits-Zeitbombe
Guadalajara ist Gastgeber mehrerer Spiele der FIFA Weltmeisterschaft 2026. Der Zeitplan sieht Gruppenspiele im Estadio Akron vor — in einer Stadt, die am 22. Februar 2026 innerhalb von Stunden zu einer Geisterstadt wurde. Das ist kein logistisches Detail. Es ist ein strategisches Problem.
Die FIFA hat bisher keine öffentliche Stellungnahme zur aktuellen Sicherheitslage abgegeben. Mexikos Regierung betont, die Lage sei in der „überwiegenden Mehrheit des Landes normal". Das ist technisch wahr — und operativ wertlos. Jalisco ist einer der wirtschaftlich stärksten und touristisch bedeutendsten Bundesstaaten. Wenn die WM-Logistik in Guadalajara über die Monate bis zum Turnier nicht auf solidem Fundament steht, entsteht ein PR-Desaster — und ein echtes Sicherheitsrisiko für Zehntausende ausländische Besucher.
Europa und Österreich: Kartellstrukturen jenseits des Atlantiks
Mexikanische Kartelle operieren nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent. Das CJNG hat in den vergangenen Jahren nachweislich europäische Märkte erschlossen. Europol bestätigte bereits 2023, dass CJNG und Sinaloa in Europa aktiv sind — vor allem über den Hafen Rotterdam als Einstiegspunkt für Kokain, das aus Lateinamerika kommt.
Die Balkanroute ist relevant: Albanische und serbische Netzwerke fungieren als Vertriebspartner für mexikanisches Kokain in Mitteleuropa. Wien liegt geographisch günstig an dieser Route. Österreichische Sicherheitsbehörden haben in den vergangenen Jahren mehrfach Kokainsendungen abgefangen, die auf Verbindungen zu mexikanischen Lieferstrukturen hinweisen.
Fentanyl ist in Europa noch kein Massenphänomen — im Gegensatz zu den USA, wo es die Opioidkrise dominiert. Doch die DEA und Europol warnen seit Jahren, dass die Sättigung des US-Markts mexikanische Kartelle dazu drängt, europäische Abnehmer zu erschließen. Österreich ist nicht immun. Es ist strukturell eingebettet in Transitrouten, die durch Südosteuropa verlaufen.
Strategische Analyse: Was bedeutet der 22. Februar?
El Menchos Tod ist ein Erfolg der mexikanisch-amerikanischen Sicherheitskooperation. Er ist kein Wendepunkt im Drogenkrieg. Die Geschichte der letzten dreißig Jahre lateinamerikanischer Drogenpolitik lehrt eine bittere Lektion: Solange die Nachfrage existiert, existiert das Angebot. Und solange Fentanyl-Vorläuferchemikalien aus China ungehindert über den Pazifik fließen, solange US-Konsumenten tonnenweise synthetische Opioide nachfragen, solange mexikanische Staatsinstitutionen in weiten Teilen des Landes durch Korruption oder Kapazitätsmangel geschwächt sind — wird kein Kopf fehlen.
Was sich verändert hat, ist die geopolitische Verdichtung des Problems. Trump hat mit Venezuela gezeigt, dass er bereit ist, militärische Mittel extraterritorial einzusetzen, wenn er eine strategische Rechtfertigung konstruieren kann. Die Terrorlisten-Designation der Kartelle liefert genau diese Rechtfertigung. Die Frage ist nicht mehr, ob Washington eines Tages unilateral in Mexiko eingreift — sondern unter welchen Umständen und mit welchen Konsequenzen für ein Land, das 127 Millionen Menschen beheimatet.
Mexiko ist kein Venezuela. Es ist die 13.-größte Volkswirtschaft der Welt, ein USMCA-Partner, ein Nachbar mit einer 3.000-Kilometer-Grenze. Ein Eingriff Washingtons — selbst ein begrenzter — würde eine Destabilisierung auslösen, die alle bisherigen Kartellkriege in den Schatten stellen würde.
El Mencho ist tot. Das CJNG lebt. Der Krieg geht weiter.
Quellen
- BBC News: Mexico's most wanted drug lord 'El Mencho' killed in military operation (22. Feb. 2026)
- Al Jazeera: Violence erupts in Mexico after killing of drug cartel kingpin 'El Mencho' (22. Feb. 2026)
- AP News: Mexican army kills leader of powerful Jalisco New Generation Cartel (22. Feb. 2026)
- CBS News: Violence erupts in Mexico after cartel leader "El Mencho" killed in military operation (22. Feb. 2026)
- Süddeutsche Zeitung: Mächtiger Drogenboss „El Mencho" getötet – Kartell reagiert mit Gewalt (23. Feb. 2026)
- Los Angeles Times: Mexican army kills 'El Mencho,' Mexico's most-wanted drug kingpin (22. Feb. 2026)
- Los Angeles Times: How Mexican President Claudia Sheinbaum won over Trump (30. Jän. 2026)
- Americas Quarterly: Washington's Sharpening Stance on Mexico (Jän. 2026)
- New York Times: It's Not the Cartels That Worry Claudia Sheinbaum (5. Feb. 2026)
- FBI: Mexican Transnational Criminal Organizations
- Europol (2023): Two Mexican Drug Cartels Now Active in Europe
- Fox News: Who is El Mencho? Inside the rise of CJNG's fallen kingpin (22. Feb. 2026)
- PBS NewsHour: Mexican army kills CJNG leader El Mencho during operation (22. Feb. 2026)
- DEA (2024): National Drug Threat Assessment — Fentanyl Supply Chain