Es gibt Momente, in denen sich Geschichte verdichtet — in denen ein Bild, eine Szene, ein Satz mehr sagt als tausend Strategiepapiere. Einer dieser Momente ereignete sich am 28. Februar 2025 im Oval Office des Weißen Hauses. Was als diplomatisches Treffen angekündigt worden war, wurde zu einer öffentlichen Demütigung: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelensky, demokratisch gewählt, Staatsoberhaupt eines Landes im Krieg, wurde von Donald Trump und J.D. Vance vor laufenden Kameras abgekanzelt wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Dieses Bild verbreitete sich in Sekunden um die Welt. Und mit ihm eine Frage, die Europa seitdem nicht mehr loslässt: Wenn Washington so mit einem Verbündeten umgeht — was bedeutet das dann für Artikel 5, den Kernparagraphen des NATO-Vertrags, der kollektive Verteidigung verspricht? Würde Trump diesen Artikel im Ernstfall wirklich einlösen?

Die Antwort ist unbequem. Sie lautet: Wir wissen es nicht. Und genau das ist das Problem.

Der Eklat und seine Bedeutung

Die Szene im Oval Office war kein Ausrutscher. Sie war symptomatisch für eine grundlegende Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik unter Trump. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 hat der US-Präsident die transatlantische Sicherheitsarchitektur systematisch in Frage gestellt — mit einer Konsequenz und Öffentlichkeitswirkung, die selbst erfahrene NATO-Beobachter überrascht hat.

Trump hatte bereits in seiner ersten Amtszeit lautstark gefordert, die NATO-Mitglieder sollten 2% ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben. In seiner zweiten Amtszeit erhöhte er die Forderung auf 5% — ein Wert, den nicht einmal die USA selbst erreichen (Washington gibt derzeit rund 3,4% aus). Die Botschaft dahinter war unmissverständlich:

„Wer nicht zahlt, bekommt keinen Schutz. So einfach ist das."
— Donald Trump, Wahlkampfveranstaltung, Februar 2025

Man kann diese Aussage als Rhetorik abtun. Viele europäische Diplomaten haben das versucht. Aber die Demütigung Zelenskys zeigte, dass Trump bereit ist, seine Worte mit Taten zu untermauern — oder zumindest so zu tun, als wäre er es. Ob Großmachtstatus, Bündnistreue oder demokratische Solidarität: Unter Trump sind diese Konzepte transaktional geworden. Alles hat einen Preis. Alles ist verhandelbar.

Kernfrage: Artikel 5 des NATO-Vertrags verpflichtet alle Mitglieder, einem angegriffenen Bündnispartner beizustehen — aber er schreibt nicht vor, wie. Die konkrete Umsetzung liegt im Ermessen jedes Mitglieds. Ein US-Präsident, der die Glaubwürdigkeit dieser Verpflichtung systematisch untergräbt, schafft strategische Unsicherheit — auch ohne den Vertrag formal aufzukündigen.

Der NATO-Gipfel in Den Haag Ende Juni 2025 wurde vor diesem Hintergrund zum wichtigsten Treffen des Bündnisses seit dem Ende des Kalten Krieges. Die Agenda: Wie hält man eine Allianz zusammen, deren mächtigstes Mitglied öffentlich signalisiert, dass es die Regeln nach eigenem Ermessen interpretiert? Die Antworten, die in Den Haag gefunden wurden, waren ehrgeiziger als erwartet — aber reichen sie?

Was die NATO wirklich ist (und was nicht)

Um die Frage nach Europas Verteidigungsfähigkeit seriös zu beantworten, muss man zunächst verstehen, was die NATO tatsächlich leistet — und was oft missverständlich dargestellt wird.

Die NATO ist kein europäisches Sicherheitssystem mit amerikanischer Beteiligung. Sie ist eine von den USA dominierte Allianz, in der Europa einen Juniorpartner darstellt. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die USA stellen rund 70% der gesamten NATO-Verteidigungsausgaben. Sie betreiben das einzige vollständig integrierte nukleare Kommando, stellen den Großteil der strategischen Lufttransportkapazitäten, der Satellitenaufklärung, der Cyberkapazitäten und der Präzisionsmunition bereit.

Zahlen: Von den 32 NATO-Mitgliedern erfüllten 2024 lediglich 23 das 2%-BIP-Ziel. Deutschland kam auf 2,1%, Frankreich auf 2,06%, Großbritannien auf 2,3%. Die größten relativen Investoren waren Polen (4,1%), die baltischen Staaten (3–4%) und die USA (3,4%). Das neue 5%-Ziel Trumps würde für Deutschland einen Verteidigungshaushalt von über 200 Milliarden Euro jährlich bedeuten — mehr als das Dreifache des aktuellen Niveaus.

Aber die US-Präsenz in Europa ist kein Akt der Nächstenliebe. Washington unterhält rund 100.000 Soldaten auf europäischem Boden (mit temporären Verstärkungen nach dem Ukrainekrieg), nicht aus historischer Verpflichtung oder transatlantischer Freundschaft, sondern aus knallhartem strategischem Eigeninteresse: Die militärische Präsenz sichert Washington politischen Einfluss auf die EU, garantiert Mitsprache bei europäischen Sicherheitsentscheidungen und verhindert, dass Europa zu einem eigenständigen geopolitischen Akteur wird, der amerikanische Interessen herausfordern könnte.

Dieser Punkt wird in der öffentlichen Debatte oft übersehen: Europa zahlt nicht nur für seinen eigenen Schutz — es bezahlt auch für eine amerikanische Hegemonialpräsenz, die Washington nutzt, um europäische Außen- und Wirtschaftspolitik mitzugestalten. Die Frage „Kann Europa sich selbst verteidigen?" ist deshalb nicht nur eine militärische, sondern zutiefst eine politische.

Die Lücken: Was Europa fehlt

Gestärkt durch die Schockwelle des russischen Angriffs auf die Ukraine und die wachsende Unberechenbarkeit Washingtons hat die EU im Februar 2026 das Programm ReArm Europe beschlossen: 800 Milliarden Euro für Verteidigung und Sicherheit bis 2030. Das ist nominell die größte Aufrüstungsinitiative in der Geschichte der europäischen Integration.

Aber Geld allein schließt keine Fähigkeitslücken. Und die Lücken sind fundamental.

Strategischer Lufttransport. Europa verfügt über eine begrenzte Flotte von Airbus A400M-Transportflugzeugen, ist aber für große strategische Verlegungen — etwa das schnelle Verschieben einer Panzerbrigade von Westeuropa an die Ostflanke — auf amerikanische C-17-Kapazitäten angewiesen. Der Aufbau einer eigenständigen Kapazität dauert Jahre.

Aufklärung und Weltraum. NATO-kompatible Echtzeit-Satellitenaufklärung kommt primär aus US-Systemen. Europäische Satellitenprogramme (Copernicus, Galileo) haben zivile Schwerpunkte. Militärische Weltraumkapazitäten befinden sich im Aufbau, sind aber weit von einer NATO-ersetzenden Fähigkeit entfernt.

Präzisionsmunition und Raketenabwehr. Europäische Arsenale an Langstrecken-Präzisionswaffen sind dünn. Die Ukraine-Krise hat gezeigt, wie schnell selbst gut ausgestattete Armeen ihre Vorräte aufbrauchen. Zudem fehlt Europa ein eigenständiges Raketenabwehrsystem — das Herzstück der NATO-Raketenabwehr, das Aegis-System, ist amerikanisch.

Personalstärke. Die Bundeswehr, Europas größte Kontinentalmacht, zählt derzeit rund 183.000 aktive Soldaten. Verteidigungsexperten sind sich einig: Für eine glaubhafte Landesverteidigung bräuchte Deutschland mindestens 250.000 Soldaten — ein Niveau, das ohne Wiedereinführung der Wehrpflicht praktisch nicht erreichbar ist. Ähnliche Defizite bestehen in den Niederlanden, Belgien und Spanien.

„Die europäischen Armeen sind strukturell auf Auslandseinsätze ausgelegt — auf Stabilisierungsmissionen auf dem Balkan oder in Mali. Für einen konventionellen Landkrieg gegen eine Großmacht fehlen Tiefe, Reserven und die Logistik."
— Analyse des Institut für Sicherheitspolitik, Kiel, 2025

Die EU-Instrumente PESCO (Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) und der Europäische Verteidigungsfonds (EDF) existieren seit 2017 beziehungsweise 2021. Sie haben erste Früchte getragen — gemeinsame Rüstungsprojekte, interoperable Standards, gemeinsame Ausbildung. Aber ihr Finanzvolumen war jahrelang lächerlich gering: Der EDF verfügt über 8 Milliarden Euro für sieben Jahre — zum Vergleich: Deutschland allein gibt in zwei Monaten mehr für Verteidigung aus. ReArm Europe ändert die Größenordnungen, aber nicht von heute auf morgen.

Strukturproblem: Europa hat 27 EU-Mitgliedstaaten mit 27 Verteidigungsministerien, 27 Beschaffungssystemen und teilweise inkompatiblen Waffensystemen. Allein bei Kampfpanzern betreibt Europa über ein Dutzend verschiedene Typen. Die USA haben zwei. Diese Fragmentierung kostet Milliarden und mindert die operative Wirkung.

Nukleare Abschreckung — Europas blinde Stelle

Die schwierigste und am seltensten offen diskutierte Frage ist die nukleare. Die NATO-Abschreckung basiert auf einem US-Nuklearschirm: rund 100 taktische B61-Atombomben, stationiert in Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Italien und der Türkei, sowie strategische Kapazitäten der US-Streitkräfte. Dieser Schirm funktioniert nur so lange, wie Washington glaubhaft kommuniziert, ihn auch einzusetzen.

Innerhalb der EU gibt es zwei Nuklearmächte: Frankreich und Großbritannien. Das britische Trident-System ist operativ mit den USA verknüpft — Großbritannien ist nuklear weitgehend von amerikanischer Technologie und Wartung abhängig. Frankreichs Force de dissuasion hingegen ist genuinely eigenständig: rund 290 Nuklearsprengköpfe, auf U-Boot- und luftgestützte Trägersysteme verteilt, vollständig unter französischem Kommando.

Präsident Macron hat die Frage einer europäischen nuklearen Abschreckung mehrfach angesprochen — zuletzt in seiner großen Europarede im März 2025. Er bot an, einen „strategischen Dialog" über die Rolle der französischen Abschreckung für Europa zu führen. Was er explizit nicht anbot: Nuclear Sharing im NATO-Sinne, also die Übertragung von Kontrolle oder Entscheidungsgewalt über französische Waffen an andere europäische Staaten.

„Die Abschreckung ist französisch. Ihr Einsatz liegt bei Frankreich. Aber ihre Existenz hat eine europäische Dimension."
— Emmanuel Macron, Élysée-Palast, März 2025

Das ist kein Zufall, sondern Kalkül. Die nukleare Abschreckung ist das letzte wirkliche Alleinstellungsmerkmal Frankreichs in der europäischen Sicherheitsarchitektur. Paris würde dieses Instrument niemals in einen gemeinsamen Topf werfen. Das bedeutet: Eine genuine europäische Nuklearabschreckung, analog zur amerikanischen NATO-Garantie, ist auf absehbare Zeit politisch nicht realisierbar.

Das nukleare Dilemma: Eine Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner glaubt, dass sie tatsächlich eingesetzt wird. Frankreich würde Bordeaux verteidigen. Würde es auch Riga verteidigen? Diese Frage stellt sich für Washington genauso — aber Washington hat 100.000 Soldaten in Europa als Pfand. Paris hat nichts Vergleichbares im Baltikum stationiert.

Wer vorangeht, wer zögert

Der Ukrainekrieg hat eine bemerkenswerte Differenzierung innerhalb Europas sichtbar gemacht: Zwischen jenen Staaten, die die russische Bedrohung als existenziell begreifen, und jenen, die sie — geografisch wie psychologisch — auf Abstand halten.

Polen ist das herausragende Beispiel für ersteres. Warschau gibt 2025 über 4% des BIP für Verteidigung aus — mehr als jedes andere NATO-Mitglied in Europa. Polen baut seine Streitkräfte massiv aus: von 150.000 auf geplante 300.000 Soldaten bis 2035. Es kauft amerikanische HIMARS-Raketenwerfer, südkoreanische K2-Panzer und F-35-Kampfjets und investiert in eine umfassende Territorial-Verteidigungsstruktur. Polen will nicht warten, bis die NATO hilft — es will selbst helfen können.

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen geben 3–4% ihres BIP für Verteidigung aus und haben die Wehrpflicht entweder beibehalten oder wiedereingeführt. Sie stationieren auf ihrem Gebiet NATO-Gefechtsverbände aus verschiedenen Bündnisstaaten und haben begonnen, ihre Landesverteidigungskonzepte auf eine Szenario auszurichten, in dem externe Verstärkung Tage braucht — nicht Stunden.

Auf der anderen Seite des Spektrums: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien. Alle vier haben ihre Verteidigungsausgaben erhöht — aber alle vier kämpfen mit strukturellen Problemen: veraltete Bürokratien, träge Beschaffungsprozesse, politische Widerstände gegen Wehrpflicht, und in Frankreichs Fall eine Armee, die nach Jahren in der Sahel-Zone und bei Auslandseinsätzen erschöpft ist. Britische Analysten sprechen unverblümt von einer Armee „at the limit of its capacity".

Die Bundeswehr steht exemplarisch für das zentrale Dilemma: Sie ist die größte konventionelle Armee Kontinentaleuropas, aber sie ist es nur auf dem Papier. Materielle Defizite, Rekrutierungsprobleme und jahrelange Unterfinanzierung haben tiefe Spuren hinterlassen. Das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro, das der Bundestag 2022 beschlossen hatte, ist mittlerweile weitgehend verplant — und hat strukturelle Defizite nur teilweise behoben.

Vergleich: Deutschland (84 Mio. Einwohner, 3,4 Billionen EUR BIP): 183.000 Soldaten, 2,1% BIP-Anteil. Polen (38 Mio. Einwohner, 0,8 Billionen EUR BIP): ~220.000 Soldaten, 4,1% BIP-Anteil. Warschau investiert relativ dreimal mehr als Berlin — und nimmt die Bedrohung offensichtlich ernster.

Der Zeitplan: Realismus statt Wunschdenken

Das ehrlichste, was man über die europäische Verteidigungsfähigkeit sagen kann: Sie ist in einem Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren nicht ausreichend, um einen vollständigen Rückzug der USA zu kompensieren. Das ist nicht Defätismus — es ist Arithmetik.

Das IPG Journal (International Politics and Society), das der Friedrich-Ebert-Stiftung nahestehende Fachmagazin, veröffentlichte Ende 2025 eine nüchterne Analyse: Eine vollständig eigenständige europäische Verteidigungsfähigkeit — ohne USA, ohne NATO-Infrastruktur — würde bis weit in die 2030er Jahre dauern. Optimistische Szenarien sprechen von 2032–2035, realistische eher von 2038–2042.

Warum so lange? Militärische Kapazitäten bauen sich nicht schnell auf. Rüstungsindustrielle Kapazitäten müssen erst entstehen — Europas Rüstungsindustrie war jahrzehntelang auf Exportmärkte und Nischenproduktion ausgerichtet, nicht auf Massenproduktion. Ausgebildete Soldaten brauchen Jahre, keine Monate. Interoperabilität zwischen 27 verschiedenen nationalen Streitkräften entsteht durch gemeinsame Übungen, gemeinsame Systeme, gemeinsame Doktrin — ein Prozess, der sich nicht beschleunigen lässt.

„Europa baut gerade sein Haus neu, während es noch darin schläft — und während draußen der Sturm anzieht."
— Claudia Major, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, 2025

Was kurzfristig — in den nächsten drei bis fünf Jahren — möglich ist: Eine deutliche Stärkung der NATO-Ostflanke durch europäische Kräfte. Mehr vorwärts stationierte Einheiten in Polen und im Baltikum. Gemeinsame europäische Übungen in einer Größenordnung, die Russland Kosten signalisiert. Und die Konsolidierung der europäischen Rüstungsindustriekapazitäten durch ReArm Europe — was die Produktion von Munition, Fahrzeugen und Elektronik deutlich erhöhen könnte.

Was nicht kurzfristig möglich ist: Ein vollwertiger Ersatz für das US-Nuklearschirmversprechen. Eine eigenständige strategische Aufklärungsarchitektur. Oder eine unified European command structure, die den US-geführten SACEUR (Supreme Allied Commander Europe) ersetzen könnte.

Realistisches Szenario 2030: Europa kann bei einem vollständigen US-Rückzug eine konventionelle Abschreckung gegen Russland aufrechterhalten — aber nur, wenn alle großen europäischen NATO-Mitglieder ihre Ausgaben tatsächlich auf 3%+ BIP erhöhen und die Fragmentierung ihrer Streitkräfte durch tiefere Integration reduzieren. Beides ist politisch schwierig, aber technisch machbar.

Österreich in einer NATO-losen Welt

Österreich ist das einzige deutschsprachige Land in Mitteleuropa, das kein NATO-Mitglied ist. Der Staatsvertrag von 1955 und die verfassungsrechtlich verankerte immerwährende Neutralität haben Wien eine Sonderrolle eingeschrieben — eine Rolle, die lange als geopolitischer Vorteil galt, heute aber zunehmend zu einer Belastung wird.

Die österreichische Neutralität war nie „echt" im Sinne einer vollständigen militärischen Äquidistanz. Österreich kooperiert eng mit der EU im Rahmen der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP), beteiligt sich an EU-Missionen und ist PESCO-Mitglied. Es sitzt faktisch im westlichen Lager, ohne formell dazuzugehören.

Diese Konstruktion funktioniert, solange das westliche Lager kohärent und verlässlich ist. Was passiert, wenn es das nicht mehr ist?

Eine Welt, in der die NATO geschwächt oder dysfunktional wird, wäre für Österreich keine neutrale Konstellation — sie wäre eine gefährlichere. Österreich liegt geografisch inmitten des europäischen Kontinents, grenzt an Ungarn (dessen demokratische Rückentwicklung und Nähe zu Russland bekannt sind) und an die Slowakei (ähnliche Tendenz unter Fico). Es hat keine eigene Nuklearabschreckung, keine strategischen Tiefenreserven und ein Bundesheer, das strukturell unterfinanziert ist.

Österreichs Verteidigung: Das Bundesheer verfügt über rund 22.000 aktive Soldaten und etwa 27.000 Milizangehörige. Der Verteidigungshaushalt 2025 beträgt rund 4,8 Milliarden Euro — etwa 1,1% des BIP. Das ist deutlich unter dem NATO-Ziel von 2% und weit unter dem, was eine eigenständige Verteidigungsfähigkeit erfordern würde.

Die politische Debatte über die österreichische Neutralität ist seit 2022 in Bewegung. Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für die Neutralität gesunken ist — wenngleich eine Mehrheit der Bevölkerung sie noch immer befürwortet. Die Frage, ob Österreich langfristig außerhalb der NATO bleiben kann, wenn Europa seine Verteidigung eigenständig organisieren muss, wird lauter gestellt. Eine Antwort gibt es noch nicht.

Was klar ist: Österreich ist nicht „draußen". Ein Krieg in Europa würde Österreich treffen — wirtschaftlich, demografisch, logistisch. Flüchtlingsströme, Energieversorgungsunterbrechungen, Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur — all das macht an der Grenze zur Schweiz oder Liechtenstein nicht halt. Die Frage ist nicht, ob Österreich betroffen wäre. Die Frage ist, ob es mitentscheiden kann, wie Europa reagiert.

Im gegenwärtigen System: nur begrenzt. Als PESCO-Mitglied und EU-Staat sitzt Wien am Tisch, aber ohne Stimmrecht in NATO-Entscheidungen, ohne Zugang zu manchen geheimdienstlichen Abkommen und ohne die Schutzgarantien des Artikel 5. In einer Welt mit stärkerer europäischer Eigenverteidigung könnte diese Lücke noch deutlicher werden — oder durch neue Strukturen geschlossen werden, die Nicht-NATO-EU-Mitglieder einbeziehen.

Fazit: Europa kann — aber nicht morgen

Die Frage, ob Europa sich ohne Amerika selbst verteidigen kann, lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Richtig gestellt lautet sie: Unter welchen Bedingungen, in welchem Zeitrahmen, und zu welchem Preis?

Europa hat die industrielle Basis, die wirtschaftliche Kraft und — seit 2022 endlich auch — den politischen Willen, eine glaubwürdige Eigenverteidigung aufzubauen. Die 800 Milliarden von ReArm Europe sind kein PR-Gag; sie entsprechen einem echten Paradigmenwechsel in der europäischen Sicherheitspolitik. Polen und die baltischen Staaten zeigen, dass hohes Investitionsniveau und glaubhafte Verteidigung möglich sind.

Was Europa nicht hat, sind Zeit und nukleare Glaubwürdigkeit. Der Aufbau voller Eigenständigkeit dauert bis in die 2030er Jahre — und setzt voraus, dass alle großen europäischen Mächte tatsächlich liefern. Deutschland muss seine Bundeswehr auf 250.000 Soldaten ausbauen, was ohne Wehrpflichtdebatte nicht realistisch ist. Frankreich und Großbritannien müssen ihre ausgelaugten Streitkräfte renovieren. Und die EU muss ihre strukturelle Fragmentierung bei Rüstung und Kommando überwinden.

Das Zelensky-Debakel im Oval Office war keine isolierte Episode. Es war ein Signal: Amerika unter Trump betrachtet Sicherheit als Ware, nicht als Verpflichtung. Europa muss sich entscheiden, ob es diese Ware weiter kaufen will — zu Trumps Konditionen — oder ob es anfängt, sie selbst herzustellen.

Die Antwort, die Europa gerade gibt, ist zögernd und entschlossen zugleich: Wir fangen an. Aber wir sind noch nicht fertig. Und die Welt wartet nicht.

Kernthesen im Überblick:
  • Europas Abhängigkeit von den USA ist strukturell — sie betrifft Nuklearabschreckung, strategische Aufklärung, Lufttransport und Präzisionswaffen.
  • ReArm Europe (800 Mrd. EUR) ist ein historischer Schritt, aber kein schneller Fix — volle Eigenständigkeit dauert bis in die 2030er Jahre.
  • Die Glaubwürdigkeit von Artikel 5 hängt unter Trump nicht mehr allein vom Vertrag ab, sondern vom politischen Kalkül eines unberechenbaren Präsidenten.
  • Nukleare Abschreckung bleibt Europas größte strategische Lücke — Frankreich wird sein Arsenal nicht teilen.
  • Polen und das Baltikum gehen voran; Deutschland, Frankreich und andere müssen nachziehen.
  • Österreich ist als Nicht-NATO-EU-Mitglied strukturell exponiert — neutral im Wort, aber nicht in der Realität.

Quellen & weiterführende Literatur