29. Dezember 2025: Ein Tag, der die Straße verändert hat
Es war keine Invasion. Kein Kriegszustand. Kein Ultimatum. Und doch war der 29. Dezember 2025 einer der gefährlichsten Tage in der Geschichte der Taiwan-Straße seit 1996.
Mehr als 100 chinesische Militärflugzeuge operierten rund um Taiwan. 90 davon überschritten die Mittellinie — jene imaginäre, seit Jahrzehnten respektierte Grenzlinie, die den Frieden in der Straße ausgehalten hat. 13 chinesische Kriegsschiffe eskortieren die Luftoperationen. Zusätzlich: 14 Schiffe der chinesischen Küstenwache und Schifffahrtsbehörde. Am 30. Dezember wurden 27 Raketen aus der Provinz Fujian abgefeuert. 10 landeten innerhalb der 24-Seemeilen-Kontiguozone Taiwans — direkt vor dem Zugang zum Hafen von Kaohsiung.
Den Höhepunkt bildete ein Zwischenfall zwischen der taiwanischen Fregatte Pan Chao und einem chinesischen Zerstörer: Das chinesische Schiff leuchtete die Fregatte mit dem Feuerleitradar an — ein Schritt, der im Militärjargon als unmittelbare Angriffsvorwarnung gilt. Kein Schuss fiel. Keine formale Krise wurde ausgerufen. Und doch hatte man für mehrere Stunden das Gefühl: Die Eskalationsmaschinerie war scharf gestellt.
Das war keine Probe. Das war die neue Normalität.
Pekings Strategie: Sieg durch Lähmung, nicht durch Invasion
Wer die PLA-Operationen vom Dezember 2025 als Invasionsproben deutet, versteht die chinesische Strategie falsch. Sie sind das — aber sie sind mehr. Die eigentliche Botschaft ist subtiler, und gefährlicher: China muss Taiwan nicht besetzen, um zu gewinnen. Es muss nur verhindern, dass irgendjemand Taiwan retten kommt.
War on the Rocks analysiert diesen Ansatz als „Paralyse-Strategie": Peking arbeitet an einer funktionalen Interdictions-Kapazität — der Fähigkeit, Nachschublinien zu unterbrechen, Häfen zu bedrohen und Verstärkungen aus den USA oder Japan aufzuhalten — bevor eine Entscheidung zum offenen Krieg überhaupt fallen muss. Das Ziel ist kein schneller Sieg. Das Ziel ist eine Lage, in der Taiwan kapituliert, weil Hilfe nicht kommt.
Die Mittellinie ist dabei ein Schlüsselindikator. Sie wurde über Jahrzehnte als informelle Deeskalations-Grenze respektiert. 2024 überschritt die PLA sie an über 100 Tagen. 2025 ist diese Frequenz auf nahezu täglich gestiegen. Das Taiwan Strait Median Line existiert de facto nicht mehr — sie wurde durch sheer repetition ausgelöscht, ohne dass ein einziger Schuss den Wechsel markiert hätte.
Die militärische Bilanz: Was die PLA heute kann
Chinas Volksbefreiungsarmee hat in den letzten zehn Jahren ein militärisches Tempo an Modernisierungen hingelegt, das ohne historisches Vorbild ist. Konkret für einen Taiwan-Konflikt relevant:
Type 076 LHD Sichuan: Das neueste amphibische Angriffsschiff Chinas wurde Ende 2025 in Dienst gestellt. Es verdrängt 50.000 Tonnen, trägt 1.000 Marineinfanteristen und zwei Luftkissenlandungsboote. Entscheidend: Es ist das erste chinesische Amphibienfahrzeug mit elektromagnetischem Katapultstartsystem — es kann also große, starrflüglige Drohnen und Flugzeuge einsetzen, die von herkömmlichen Trägern nicht operieren könnten. Bis zu sechs GJ-21-Tarnkappen-Drohnen — mit einem Aktionsradius von 1.500 Kilometer und 2.000 Kilogramm Nutzlast — können von Bord aus operieren.
YH-1000S Transportdrohne: Im Februar 2026 führte China den ersten Testflug dieser Logistikdrohne durch. 1.000 kg Kapazität, 1.600 Kilometer Reichweite, STOL-fähig (Kurze Start- und Landebahn — sie kann auf Feldwegen landen). Ihre Aufgabe im Konfliktszenario: Over-the-Beach Resupply — Nachschub für Landungstruppen auf taiwanischem Boden, wenn reguläre Lieferwege unter Beschuss sind. Das ist die bekannte Schwachstelle jeder Amphibienoperation: die Logistik nach der Landung.
PHL-16 Raketensysteme an der Küste Fujians: Laut ISW hat die PLA Ground Force in der Küstenregion Fujian-Provinz mehrere Brigaden mit PHL-16-Systemen stationiert. Das ist keine symbolische Abschreckung. Das ist eine funktionelle, nachhaltige Interdiktionsfähigkeit, die Taiwans wichtigste Häfen — Kaohsiung, Keelung — mit preiswerter Artillerie bedroht, ohne teure ballistische Raketen einsetzen zu müssen. Der Beweis: Die 27 Raketen vom 30. Dezember.
Die TSMC-Variable: Warum der ganze Planet betroffen ist
Für Europa — und für Österreich — ist Taiwan kein entferntes Konfliktgebiet. Es ist eine Systemkomponente des globalen Wirtschaftskreislaufs, ohne die weite Teile moderner Industrie aufhören zu funktionieren.
Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) stellt mehr als 92 Prozent aller weltweiten Halbleiter der fortgeschrittensten Fertigungsstufen her. Kein anderes Unternehmen, kein anderes Land ist auch nur annähernd konkurrenzfähig auf den neuesten Prozessknoten (3nm, 2nm). TSMC-Chips stecken in:
- Jedem modernen KI-Beschleuniger (Nvidia, AMD, Apple)
- Militärischen Leitsystemen, Drohnen und Kommunikationsgeräten
- Automobil-Steuersystemen (inklusive österreichischer und bayerischer Zulieferer)
- Kritischer Infrastruktur (Energienetze, Telekommunikation)
Bloomberg schätzt die Kosten eines US-China-Kriegs über Taiwan auf 10 Billionen US-Dollar — mehr als der gesamte globale Wirtschaftseinbruch der COVID-19-Pandemie. Das ist kein Horrorszenario, das ist eine modellierte Schätzung.
Die strategische Konsequenz: Die USA haben im Januar 2026 ein Handelsabkommen mit Taiwan geschlossen, das TSMC-Investitionen in US-Fabriken im Gegenzug für niedrigere Zölle stimuliert. Die Idee dahinter: Das Produktionsmonopol aus Taiwan herausdiversifizieren, bevor es geopolitisch gekappt wird. TSMC-Fabriken entstehen in Arizona, Japan, Deutschland. Das dauert Jahre — und bis dahin ist der Chip auf Taiwan.
Es gibt einen radikaleren amerikanischen Denkansatz: die sogenannte „Broken Nest"-Strategie. Ein US-Militärpapier fordert: Taiwan sollte im Invasionsfall TSMC selbst zerstören. Das Argument: China muss Taiwan nicht nur als militärisches Problem betrachten — sondern als wirtschaftliche Last. Ein zerstörtes TSMC ist für China wertlos. Es würde den größten wirtschaftlichen Anreiz für eine Annektierung eliminieren und die Kosten für Peking unakzeptabel hochschrauben. Taiwan würde sich quasi selbst zu einem „gebrochenen Nest" machen, das niemand besitzen will.
Die „Porcupine-Strategie": Stacheln statt Panzer
Die USA haben ihre Taiwan-Verteidigungsdoktrin in den letzten zwei Jahren radikal umgebaut. Nicht mehr schwere Waffensysteme stehen im Vordergrund, sondern eine Philosophie: Taiwan so teuer und schmerzhaft zu machen, dass China den Preis für eine Invasion schlicht nicht zahlen will.
Die Porcupine-Strategie setzt auf:
- Tausende Küstenabwehrraketen (Harpoon, HIMARS-Varianten) für eine Strandverteidigung aus der Tiefe
- Mobile Artilleriesysteme die nach einer Invasion Landungszonen unter Feuer halten können
- Drohnen-Schwärme für asymmetrische Verteidigung gegen die numerisch überlegene PLA
- Infrastrukturresilienz: dezentrale Energieversorgung, gehärtete Kommunikation, zivile Schutzräume
- Reservisten-Training: Taiwan hat seit 2023 die Wehrpflichtdauer verdoppelt und das Ausbildungsprogramm grundlegend reformiert
Das ist die Logik des Igels: Du kannst mich fressen, aber du wirst daran sterben. Ob das ausreicht, weiß niemand mit Sicherheit. Was es tut: Es erhöht den Preis. Und in Pekings Kalkulation zählt jede Kostensteigerung.
Die Erschöpfungs-Falle: Was Gray Zone mit Taiwans Streitkräften macht
Es gibt eine Dimension des Konflikts, die in westlichen Lageanalysen kaum vorkommt: die schleichende Erschöpfung der taiwanischen Streitkräfte durch permanente Gray-Zone-Operationen.
Das Center for Maritime Strategy dokumentiert: Taiwans Marine und Luftwaffe müssen ihre besten Aufklärungs- und Kampfflugzeuge täglich sortieren, um PLA-Operationen zu verfolgen und zu kontern. Diese Missionen verschleißen Material und Personal. Ersatzteile müssen aus den USA beschafft werden — mit langen Lieferzeiten. Piloten fliegen mehr Stunden, Mechaniker arbeiten unter Hochbelastung, Schiffsmotoren werden früher überholt. Wenn China tatsächlich angreift, kämpft Taiwan mit einer Armee, die vor dem ersten Schuss schon geschwächt ist.
Das ist Pekings Geduldsplan: nicht aus einer starken Position angreifen, sondern so lange warten, bis die Verteidiger müde sind.
Europa und Taiwan: Wirtschaftliche Abhängigkeit ohne politischen Willen
Die EU hat kein Sicherheitsbündnis mit Taiwan. Es gibt keine NATO-Klausel, die für den Pazifik gilt. Das weiß Peking. Und es gestaltet seine Drohkulisse entsprechend: Gegen Taiwan wird militärisch eskaliert, mit dem Kalkül, dass Europa nicht kämpft.
Dennoch wäre Europa von einem Taiwan-Konflikt massiv betroffen:
- Chip-Lieferketten brechen zusammen — Produktionsstopps in der Automobil-, Rüstungs- und Elektronikbranche
- Seehandelsrouten durch den Pazifik werden unter Druck gesetzt — Containerpreise explodieren wie 2021, nur schlimmer
- Chinesische Gegenmaßnahmen bei EU-Kritik: Exportbeschränkungen auf Rohstoffe, Handelsdruck
- US-Streitkräfte im Pazifik gebunden — Sicherheitslücken in Europa entstehen, die Russland nutzen könnte
Österreich ist hier besonders exponiert: Keine eigene Pazifik-Strategie, keine Rüstungsindustrie mit Pacific Pivot, aber vollständig integriert in europäische Lieferketten die von Taiwan-Chips abhängen.
Was Europa fehlt, ist eine Taiwan-Politik die diesen Namen verdient. Es gibt Handelsbeziehungen, es gibt wirtschaftliche Verflechtung, es gibt politische Sympathie für Taiwans Demokratie. Was fehlt, ist eine klare Antwort auf die Frage: Was tut Europa, wenn China die Straße sperrt? Bis heute lautet die ehrliche Antwort: nichts Koordiniertes.
2026: Eskalation oder Stillstand?
Die Analysen für 2026 sind sich in einem Punkt einig: Es kommt keine Invasion. Die PLA ist militärisch noch nicht bereit für eine sichere Amphibienoperation gegen ein bewaffnetes Taiwan mit US-Unterstützung. Das Zeitfenster der chinesischen Militärplaner gilt als etwa 2027 bis 2030.
Was 2026 kommt, ist eine Verdichtung der Gray Zone: mehr Luftraumverletzungen, mehr maritime Incidents, Cyber-Operationen gegen Taiwans Infrastruktur, wirtschaftlicher Druck auf taiwanische Unternehmen, Desinformationskampagnen gegen die demokratische Regierung in Taipeh. Die „neue Normalität" des Dezembers 2025 wird zur Dauerbelastung.
Und dann ist da noch die Venezuela-Variable. Die Trump-Administration hat gezeigt, dass sie zu extraterritorialen Militäraktionen bereit ist. Wie reagiert China, wenn Washington signalisiert, es würde bei einer Taiwan-Blockade militärisch eingreifen — und wie glaubwürdig ist dieses Signal nach Venezuela? Abschreckung in der Straße von Taiwan ist komplexer als in der Karibik. Die Distanzen sind größer, die Kosten höher, das Risiko einer atomaren Eskalation real.
Was bleibt
Die Taiwan-Straße 2026 ist das geopolitische Barometer des Jahrhunderts. Nicht weil ein Krieg unmittelbar droht — sondern weil das, was dort geschieht, die Frage beantwortet, ob die regelbasierte internationale Ordnung in ihrer Kernsubstanz noch verteidigt wird, oder ob Stärke Recht schafft.
Für Europa: Taiwan ist kein Fernostproblem. Es ist ein Test. Wenn China Taiwan durch Druck zur Kapitulation bringen kann, ohne dass irgendjemand ernsthaft reagiert — dann hat jeder andere Akteur, der territoriale Ambitionen hegt, gelernt: Die internationale Gemeinschaft schaut weg, wenn der Preis hoch genug ist.
Das ist die eigentliche Gefahr. Nicht der Krieg. Die Gleichgültigkeit davor.
Quellen
- War on the Rocks: Deterrence Won't Fail in the Taiwan Strait — It Will Be Bypassed (Feb. 2026)
- ISW / CDOT: China & Taiwan Update, 13. Februar 2026 — Type 076 Sichuan, GJ-21, YH-1000S
- ISW / CDOT: China & Taiwan Update, 23. Jänner 2026 — US-Taiwan Trade Agreement
- Focus Taiwan / Reuters: 27 Raketen aus Fujian, 30. Dezember 2025
- Vision Times: Escalation or Restraint? Tensions Simmer in the Taiwan Strait (Feb. 2026)
- Center for Maritime Strategy: Taiwan's Concerning MDA Gap facing China's Gray Zone (2026)
- Data Center Dynamics: Taiwan should adopt a "broken nest" policy and destroy TSMC (Feb. 2026)
- DebugLies: The PRC Paralysis Strategy and the 2025–2026 Taiwan Strait Escalation (Feb. 2026)
- Bloomberg: The $10 Trillion Fight: Modeling a US-China War Over Taiwan (Feb. 2026)
- Temple8 Capital / Substack: Semiconductor Geopolitics 2026: TSMC, Intel, and the "Taiwan Quarantine" Thesis
- US Naval Institute News: China Justice Mission — Taiwan Blockade Drills, Dez. 2025
- RAND Corporation (2023): The Taiwan Contingency: Cost and Feasibility