Der Deal, den niemand erklärt hat

Es war eines der merkwürdigsten diplomatischen Ereignisse des Jahres 2026 — und das, obwohl das Jahr noch jung ist. Am 26. Jänner trafen sich Donald Trump und NATO-Generalsekretär Mark Rutte am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Was dabei vereinbart wurde, ist bis heute nicht vollständig öffentlich.

Bekannt ist: Trump hatte zuvor tagelang mit Zöllen auf dänische Exporte gedroht, falls Dänemark Grönland nicht „freiwillig" abgebe. Er hob die Zölle nach dem Davos-Treffen auf und behauptete, Rutte habe ihm „totale Kontrolle" über Grönland als Gegenleistung für den Verzicht auf militärische Annexion zugesagt. Rutte dementierte das — halb. Er sagte, der Deal würde Dänemark nicht beeinträchtigen. Was er konkret zugesagt hat, ließ er offen.

Wenige Wochen später, am 11. Februar, startete die NATO offiziell ihre neue Arktis-Mission „Arctic Sentry" — die erste, bei der alle Arktis-Operationen der Allianz unter einem einheitlichen Kommando zusammengefasst werden. NATO-Generalsekretär Rutte erklärte: „Angesichts von Russlands gesteigerter Militäraktivität und Chinas wachsendem Interesse an der Hohen Arktis war es entscheidend, dass wir mehr tun."

Was in Davos wirklich vereinbart wurde, lässt sich zwischen diesen Zeilen ahnen: Rutte tauschte NATO-Engagement in der Arktis gegen Trumps temporären Rückzug von der Annexionsrhetorik. Die Allianz spielte mit, um einen intra-atlantischen Bruch zu verhindern. Ob das ein Sieg der Diplomatie war oder der Beginn eines gefährlichen Präzedenzfalls — das lässt sich noch nicht beurteilen.

Arctic Sentry: Mission oder Medienevent?

Die ehrliche Antwort auf diese Frage ist unbequem. EUobserver hat nachgefragt und herausgefunden: Am Tag der offiziellen Verkündung von Arctic Sentry passierte auf dem Boden faktisch nichts Neues. Die Mission ist eine Umbenennung zweier bereits bestehender Projekte — Arctic Endurance und Cold Response. Konkrete neue Truppenstationierungen, neue Kommandostrukturen, neue Waffensysteme: noch nicht. Die Details sollen in den „nächsten Wochen und Monaten" festgelegt werden.

Das dänische Verteidigungsministerium formulierte es immerhin ehrlich: „Die heutige Ankündigung war eine Botschaft: Was in der Arktis und rund um Grönland passiert, ist nicht nur eine dänische Angelegenheit — jetzt steht die NATO dahinter." Eine Botschaft. Kein Operationsplan.

Und doch folgte dem Signal rasch Substanz. Innerhalb weniger Tage nach der Ankündigung:
— Großbritannien kündigte an, seine Trägerkampfgruppe HMS Prince of Wales noch in diesem Jahr in die Arktis zu entsenden — eine der größten Marineoperationen seit Jahren.
Deutschland schickt vier Kampfjets der Bundeswehr in den Norden.
Schweden entsendet sechs Gripen-Kampfjets und 100 Luftwaffenangehörige auf die amerikanische Luftwaffenbasis Keflavik in Island.
— Europäische Bodentruppen wurden als symbolisches Kontingent nach Grönland selbst verlegt.

Symbolisch oder nicht — die Geschwindigkeit dieser Reaktion zeigt: Die Arktis ist zum Ernstfall geworden.

Arktis — strategische Kennzahlen 2026

Warum die Arktis plötzlich zählt

Um zu verstehen, warum Grönland 2026 auf der sicherheitspolitischen Agenda der Großmächte steht, muss man zurückgehen — zur Geographie und zur Physik des Klimawandels.

Die Seewege. Das arktische Meereis schmilzt schneller als jede Prognose. Die Nordostpassage — entlang der russischen Küste von Europa nach Asien — ist inzwischen in den Sommermonaten schiffbar. Die Zeit beschreibt die Arktis als eines der „strategisch bedeutendsten und zugleich klimatisch herausforderndsten Gebiete." Wer diese Routen kontrolliert, kontrolliert die schnellste Verbindung zwischen Europa und Asien — kürzer als Suez, freier als Malakka, und bisher kaum militärisch gesichert.

Die Rohstoffe. Unter dem arktischen Boden lagern nach Schätzungen des U.S. Geological Survey rund 13 Prozent der weltweiten unentdeckten Ölreserven und rund 30 Prozent der unentdeckten Gasreserven. Grönland allein gilt als reich an seltenen Erden — jenen Elementen, ohne die Windkraftanlagen, Elektromotoren und Rüstungsgüter nicht herstellbar sind. Wer Grönland kontrolliert, kontrolliert potentiell einen entscheidenden Teil der Lieferketten für die grüne und militärische Transformation des Westens.

Die militärische Position. Grönland liegt zwischen Nordamerika und Europa — genau im Korridor, durch den russische U-Boote aus der Kola-Halbinsel in den Atlantik einlaufen müssten. Die ehemalige amerikanische Luftwaffenbasis Thule auf Grönland — heute Pituffik Space Base — ist eine der wichtigsten Frühwarninstallationen der USA. Wer Grönland kontrolliert, kontrolliert die GIUK-Lücke: den strategischen Engpass zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich.

Russlands Arktis-Strategie

Russland betrachtet die Arktis nicht als neues Schlachtfeld — es betrachtet sie als sein angestammtes Revier. Die gesamte Nordküste Russlands ist Arktis. Die Nordflotte, mit Hauptquartier auf der Kola-Halbinsel, ist Russlands wichtigste Seestreitkraft — und heimat der meisten seegestützten nuklearen Zweitschlagskapazitäten.

Russland hat in den vergangenen zehn Jahren massiv in die arktische Infrastruktur investiert: neue Militärbasen auf Franz-Josef-Land und den Neusibirischen Inseln, Modernisierung der Eisbrecherflotte, Ausbau der Nordostpassage als wirtschaftliche Route. Moskau betrachtet die Arktis als strategische Tiefe — und jede NATO-Aktivität dort als direkte Bedrohung seiner Zweitschlagskapazitäten.

Das macht Arctic Sentry aus russischer Perspektive zu mehr als einem politischen Statement: Es ist eine Provokation in einem Gebiet, das Russland als existenziell betrachtet. Responsible Statecraft warnt präzise: Ein „Enhanced Vigilance Activity" ohne parallele Investitionen in Deeskalationsmechanismen ist unvollständige Abschreckung — es signalisiert Entschlossenheit und lässt gleichzeitig die Tür für versehentliche Eskalation weit offen.

Chinas arktische Seidenstraße

Wenn Trump und Rutte in Davos über Russland und China in der Arktis sprachen, war das für viele Beobachter überraschend. China hat keine Arktis-Grenze. Es hat keine Arktis-Küste. Es hat keine Arktis-Tradition.

Und doch. Peking hat sich 2018 selbst zum „Near-Arctic State" erklärt — ein Begriff, den es selbst erfunden hat, den kein internationales Recht kennt, und den Peking konsequent ausbaut. China investiert in arktische Forschungsstationen, in Eisbrecher, in Rohstoffprojekte auf Grönland und in Russland, und es beteiligt sich an der Nutzung der Nordostpassage. Die „Polare Seidenstraße" ist kein theoretisches Konzept mehr — sie ist aktive Politik.

Was China in der Arktis sucht, folgt dem bekannten Muster: keine Konfrontation, sondern Verflechtung. Wirtschaftliche Präsenz, die sich schleichend in strategischen Einfluss verwandelt. Russland duldet das, weil es chinesisches Kapital und chinesische Märkte braucht. Der Westen schaut zu, weil die Arktis bisher kein primäres Theater war. Beides ändert sich gerade.

Das Grönland-Dilemma

Grönland selbst ist in diesem geopolitischen Drama eine eigene Stimme — die oft vergessen wird. Die Insel hat 56.000 Einwohner, einen Autonomiestatus innerhalb des Königreichs Dänemark, und eine wachsende Unabhängigkeitsbewegung. Die überwältigende Mehrheit der Grönländer lehnt eine amerikanische Übernahme ab — und will weder Trump noch Russland als neuen Patron.

Die Ironie: Trump hat, indem er Grönland zum internationalen Thema gemacht hat, die Unabhängigkeitsdebatte beschleunigt. Grönländische Politiker sehen im westlichen Interesse eine Chance — nicht für eine Annexion, sondern für mehr Autonomie und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Rohstoffvorkommen könnten das finanzieren. Aber ohne Partner — und ohne die Sicherheitsgarantien, die die Nato-Mitgliedschaft Dänemarks bietet — wäre ein unabhängiges Grönland zwischen den Großmächten strategisch ungeschützt.

Dänemark versucht derweil, beide Seiten zu beschwichtigen: Es begrüßt Arctic Sentry als Signal der Solidarität, hält an der dänischen Souveränität über Grönland fest, und lässt offen, was Rutte Trump in Davos wirklich versprochen hat.

Was das für Europa bedeutet

Die Arktis ist, auf den ersten Blick, weit von Wien. Auf den zweiten Blick ist sie das nicht. Die Rohstoffe, die Europas Energiewende ermöglichen sollen, liegen zum Teil unter arktischem Boden. Die Seewege, die Europas Handel mit Asien günstiger machen könnten, verlaufen durch arktische Gewässer. Und die russischen Nuklearwaffen, deren Zweitschlagskapazität in der Arktis stationiert ist, sind auf europäische Städte gerichtet.

Was Europa fehlt, ist eine kohärente Arktis-Strategie. Die EU hat kein Arktis-Kommando, keine eigenen Eisbrecher, keine eigenständige militärische Präsenz. Sie verlässt sich auf Nato-Mitglieder — Norwegen, Dänemark, Island, Finnland, Schweden — ohne selbst eine Stimme am Tisch zu haben. Wenn Trump und Rutte in Davos die Arktis-Agenda der Allianz neu definieren, sitzt Brüssel nicht mit dabei.

Das ist kein kleines Problem. Die Arktis des 21. Jahrhunderts wird nicht durch Verträge gestaltet — sie wird durch Präsenz, Infrastruktur und wirtschaftliche Verflechtung geformt. Wer dort jetzt nicht investiert, wird später kaufen müssen, was andere gebaut haben.

Trump hat das verstanden. Russland auch. China schon seit Jahren. Europa gerade erst.

Quellen