Krieg erschöpft. Das ist keine sentimentale Beobachtung, sondern eine strategische: Wer wen länger durchhält, entscheidet Konflikte. Ende 2025 zeichnet sich ab, dass Russland dieses Wettrennen auf der militärischen Ebene zumindest vorläufig gewinnt — nicht durch spektakuläre Durchbrüche, sondern durch schiere Attrition. Rund 5.600 km² hat Russland 2025 eingenommen — bei einem Tempo von 74 bis 141 km² pro Woche. Gemessen an der Gesamtfläche der Ukraine ist das wenig. Gemessen an dem, was 2023 und 2024 möglich war, ist es eine dramatische Verschiebung.

Russische Geländegewinne in der Ukraine 2022–2025
Russische Geländegewinne 2022–2025 in km² — Quelle: ISW, DeepStateMap, OSINT-Auswertungen Alle Infografiken →

I. Die militärische Lage: Langsames Mahlen

Die Front im Februar 2026 erstreckt sich über mehr als 1.000 Kilometer — von der belarussischen Grenze im Norden bis zur südlichen Küstenregion Chersons. Es gibt keine dramatischen Zusammenbrüche, keine Kesselschlachten wie man sie aus Lehrbüchern kennt. Was stattdessen stattfindet, beschreibt das Institute for the Study of War (ISW) als „grinding attrition" — ein Mahlen, bei dem beide Seiten verlieren, Russland aber territorial gewinnt.

Besonders im Raum Donezk, rund um die Ortschaft Awdijiwka (2024 gefallen) und entlang der sogenannten „Torske-Linie", schieben russische Einheiten die Front Woche für Woche einige hundert Meter nach Westen. Der Rhythmus ist monoton: Infanteriewellen, oft von Strafbataillon-Einheiten angeführt, brechen ukrainische Verteidigungslinien auf, russische Artillerie und Drohnen sichern den Raumgewinn. Die DeepStateMap, von ukrainischen OSINT-Analysten betrieben, dokumentiert diese Bewegungen täglich.

Kursk: Der Bluff und sein Ende

Im August 2024 überraschte die Ukraine mit einem Einmarsch in die russische Oblast Kursk — ein taktischer Schachzug, der strategische Signale senden sollte: Russland ist verwundbar, seine Hinterland nicht sicher, eine Offensive ist möglich. Der Einfall hatte kurzfristig politische Wirkung. Er zwang Moskau, Kräfte umzudisponieren.

Ein Jahr später hat sich das Bild gewandelt. Die Ukraine hält noch rund 4 Quadratmeilen (etwa 10 km²) auf russischem Boden in Kursk — ein Bruchteil des ursprünglich kontrollierten Gebiets. Russland hat Nordkoreanische Einheiten in den Gegenoffensivoperationen eingesetzt, was geopolitisch brisant ist: Es ist das erste Mal, dass Pjöngjang Bodentruppen in Europa stationiert. BBC und Reuters berichten von Verlusten auf nordkoreanischer Seite; die genaue Truppenstärke ist umstritten.

Kursk-Bilanz: Die ukrainische Operation hat russische Ressourcen gebunden und internationale Aufmerksamkeit generiert. Strategisch hat sie die Frontlinien im Donbas nicht entlastet. Das Kalkül war nachvollziehbar; die Umsetzung hat das Ziel verfehlt.

II. Trumps 28-Punkte-Plan — Frieden oder Kapitulation?

Im Februar 2026 dominiert ein Dokument die diplomatische Debatte: der sogenannte 28-Punkte-Friedensplan, der von der Trump-Administration ausgearbeitet und über informelle Kanäle an die Verhandlungsparteien kommuniziert wurde. Die zentralen Elemente, soweit öffentlich bekannt:

Der Plan stößt in Kyjiw auf tiefe Skepsis, in Brüssel auf verhaltenen Widerstand, in Moskau auf taktisches Interesse. Für Putin wäre ein Einfrieren des Konflikts auf Basis des jetzigen Status quo ein erheblicher — wenn auch nicht vollständiger — Sieg: Er hätte das Ziel der Annexion der vier Oblaste faktisch erreicht, die NATO von der ukrainischen Grenze ferngehalten und seine Streitkräfte für eine Erholungsphase genutzt.

Das Problem der Sicherheitsgarantien

Für Kyjiw ist die entscheidende Frage nicht Territorium, sondern Sicherheit: Wie verhindert man, dass Russland nach einer Waffenstillstandspause erneut angreift? Die ukrainische Führung erinnert an die Budapester Memoranden 1994: Die Ukraine gab ihr nukleares Arsenal auf und erhielt im Gegenzug Sicherheitszusicherungen von Russland, den USA und dem Vereinigten Königreich. Wie wir wissen, waren diese Garantien das Papier nicht wert, auf dem sie standen.

Eine robuste Sicherheitsarchitektur für die Ukraine müsste — nach Ansicht europäischer Analysten — NATO-ähnliche Bündnisstrukturen beinhalten oder zumindest verbindliche Beistandspflichten mit automatischen Konsequenzen. Ob Washington bereit ist, das zu unterzeichnen, ist angesichts der aktuellen US-Innenpolitik zweifelhaft.

III. Europas Dilemma — Zahler ohne Stimme

Europa hat seit 2022 erhebliche Mittel in die Ukraine investiert: Militärhilfe in Höhe von über 100 Milliarden Euro (Kiel Institut für Weltwirtschaft, Stand Ende 2025), humanitäre Hilfe, Flüchtlingsaufnahme. Gleichzeitig sitzt Europa nicht am Verhandlungstisch: Die Gespräche laufen bilateral zwischen Washington und Moskau — mit der Ukraine als Betroffener, aber nicht als gleichberechtigter Partei.

Dies ist für Brüssel eine fundamentale strategische Demütigung. Die EU hat gezahlt, geliefert und Sanktionen verhängt — aber die Friedensbedingungen werden von anderen diktiert. Frankreichs Präsident Macron hat mehrfach auf ein „souveränes Europa" gepocht, das seine eigene Sicherheitspolitik gestaltet. Die Realität sieht anders aus: Ohne US-Sicherheitsgarantien und ohne nuklearen Schutzschirm ist Europa in der Ukrainefrage strukturell abhängig.

Kernproblem: Europa trägt finanzielle und humanitäre Lasten, hat aber keine angemessene Stimme bei der Konfliktbeilegung. Das ReArm-Europe-Programm (→ separater Artikel) ist der Versuch, diese Abhängigkeit langfristig zu überwinden — zu spät für die Ukraine-Verhandlungen 2026, aber möglicherweise relevant für den nächsten Konflikt.

IV. Was ein Waffenstillstand nicht bedeutet

In westlichen Medien wird „Waffenstillstand" oft mit „Frieden" gleichgesetzt. Das wäre ein gefährlicher Irrtum. Ein Blick in die Geschichte eingefrorener Konflikte zeigt: Sie sind nicht das Ende, sondern eine Pause.

Transnistrien — eingefrorener Konflikt seit 1992: Das russisch kontrollierte Gebiet in der Republik Moldau existiert seit mehr als 30 Jahren in einem militärischen Schwebezustand. Keine formelle Lösung, aber auch kein erneuter Krieg. Der Preis: dauerhafte Instabilität, wirtschaftliche Isolation, russischer Militärstützpunkt auf EU-Grenznähe.

Bergkarabach — „eingefrorener" Konflikt 1994–2020: Drei Jahrzehnte Waffenstillstand endeten 2020 mit einer aserbaidschanischen Offensive, die die Region innerhalb weniger Wochen zurückerobert. 2023 folgte die vollständige Übernahme. Die armenische Bevölkerung floh. Der eingefrorene Konflikt war kein Frieden — er war eine Pause, in der eine Seite sich vorbereitete.

Für die Ukraine bedeutet ein eingefrorener Konflikt nach russischem Modell: Russland behält die besetzten Gebiete, rüstet auf, und wartet auf den nächsten günstigen Moment. Ohne verbindliche Sicherheitsgarantien wäre ein ukrainischer Waffenstillstand eine Atempause für Moskau — und ein Sicherheitsrisiko für Kyjiw.

V. Die menschliche Dimension — was die Zahlen nicht sagen

Hinter den strategischen Analysen stehen Menschen. Seit Februar 2022 sind nach UNHCR-Angaben über 6 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer als Flüchtlinge in Europa registriert — davon über 900.000 in Deutschland, mehr als 68.000 in Österreich. Weitere Millionen sind innerhalb der Ukraine vertrieben.

Die dokumentierten Opferzahlen sind erschütternd: Die UN-Menschenrechtsbeobachter gehen von über 12.000 zivilen Todesopfern seit Kriegsbeginn aus — bei einer dunkel geschätzten Dunkelziffer, die ein Mehrfaches betragen dürfte. Auf militärischer Seite sind die Verluste beider Seiten immens; zuverlässige Zahlen fehlen, aber alle seriösen Schätzungen gehen von Hunderttausenden Gefallenen und Verwundeten auf beiden Seiten aus.

Für Österreich hat der Krieg unmittelbare Konsequenzen: Energiepreise, Migrationsströme, Rüstungsausgaben — der Ukraine-Konflikt hat die innenpolitische Debatte in Europa grundlegend verändert. Er ist nicht „dort drüben". Er ist hier.

VI. Österreichische Perspektive — Neutralität im Stresstest

Österreich ist neutral. Das steht im Staatsvertrag 1955 und im Bundesverfassungsgesetz. Es ist aber zunehmend unklar, was diese Neutralität in einem Europa bedeutet, das gerade seine Verteidigungsarchitektur grundlegend neu baut.

Österreich hat — anders als die Schweiz — keine Waffenlieferungen an die Ukraine genehmigt. Es hat humanitäre Hilfe geleistet und Flüchtlinge aufgenommen. Es nimmt an EU-Sanktionen teil, nicht aber an militärischen EU-Mechanismen wie der EDIRPA oder der Gemeinschaft der Mitgliedsstaaten für gemeinsame Rüstungsbeschaffung.

Der ISS Lagebild 1/26 der Landesverteidigungsakademie macht deutlich (→ separater Artikel: Neutralität): Österreich hat keine operativen Pläne für den Neutralitätsfall oder den Verteidigungsfall. Sollte die Situation in Europa eskalieren, stünde das Land ohne handlungsfähige strategische Doktrin da. Das ist kein Vorwurf — es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, die Konsequenzen erfordert.

Kernfrage für Österreich: Was bedeutet Neutralität, wenn es keinen neutralen Boden mehr gibt? Die Ukraine-Krise hat den geopolitischen Raum in Europa fundamental verändert. Österreich braucht eine Antwort — und zwar eine operative, nicht nur eine verfassungsrechtliche.

VII. Szenarien 2026/27

Szenario 1 — Eingefrorener Konflikt (wahrscheinlichstes Szenario): Die Verhandlungen führen zu einem De-facto-Waffenstillstand auf Basis des Status quo. Russland behält die faktisch kontrollierten Gebiete; die Ukraine erhält keine formale NATO-Mitgliedschaft, aber vage europäische Sicherheitszusagen. Die Front wird zur dauerhaften Trennlinie — wie Nordkorea/Südkorea nach 1953, wie Zypern nach 1974. Kein Frieden. Kein Krieg. Aber auch keine Lösung.

Szenario 2 — Verhandlungskollaps und Eskalation: Die Verhandlungen scheitern, weil weder Kyjiw noch Moskau die Bedingungen akzeptieren. Der Krieg setzt sich fort — mit reduzierten westlichen Lieferungen an die Ukraine (US-Politikwechsel), steigenden Verlusten, und dem Risiko weiterer russischer Geländegewinne. Für Europa bedeutet dies dauerhafter strategischer Stress und steigender Druck auf Rüstungsausgaben.

Szenario 3 — Ukrainischer Zusammenbruch: Wenig wahrscheinlich, nicht auszuschließen. Wenn die westliche Unterstützung dramatically sinkt und russischer Druck zunimmt, könnte die Frontlinie in einzelnen Abschnitten kollabieren — mit unvorhersehbaren regionalen Folgen. Dieses Szenario würde Europa direkt betreffen: Flüchtlingsbewegungen, Signalwirkung auf andere potenzielle Aggressoren, fundamentale Erschütterung der NATO-Glaubwürdigkeit.


Quellenverzeichnis:
Institute for the Study of War (ISW) — Tagesberichte Ukraine 2025/26 · DeepStateMap — ukrainische OSINT-Kartierung · Kiel Institut: Ukraine Support Tracker (2026) · UNHCR: Ukraine Emergency — Flüchtlingsstatistiken · OHCHR: Ukraine War Crimes Reports · LVAk/ISS: Lagebild Nr. 1/26 · Budapester Memorandum 1994 · BBC: Nordkoreanische Truppen in Kursk