Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann. Seit Wochen baut Washington im Arabischen Meer und im Persischen Golf eine Streitmacht auf, die nach Einschätzung aller befragten Militärexperten ausreicht, um Iran monatelang zu bombardieren. Gleichzeitig laufen Verhandlungen — wie so oft in der Geschichte des Iran-Konflikts, im Schatten von Waffensystemen, die ihre eigene Sprache sprechen.
Wir dokumentieren die Lage, wie sie sich zum Stand 21. Februar 2026, 14:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, darstellt.
I. Das militärische Lagebild
Der US-Militäraufmarsch im Nahen Osten hat in den vergangenen Wochen eine Dimension erreicht, die Beobachter mit dem Aufmarsch vor dem Irakkrieg 2003 vergleichen.
Der Spiegel schreibt heute (21. Feb.): „Die Armada könnte Iran wochenlang bombardieren." Das ist keine Übertreibung — es ist eine nüchterne Einschätzung der vorhandenen Kapazitäten.
II. Die Chronologie der letzten Tage
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III. Hintergrund: Warum ist Iran noch eine Bedrohung?
Am 22. Juni 2025 führten die USA die sogenannte Operation Midnight Hammer durch — einen koordinierten Luftangriff auf Irans drei wichtigste Nuklearanlagen. B-2-Stealth-Bomber warfen den GBU-57 Massive Ordnance Penetrator auf Fordow, die tiefstgelegene Anlage im Gebirge. Tomahawk-Marschflugkörper trafen Natanz und Isfahan. (→ Ausführlich: Operation Midnight Hammer)
Das Ergebnis: erhebliche Schäden, aber kein Ende des Atomprogramms. Iran hat Teile seiner Zentrifugen rechtzeitig verlagert, verfügt über tief vergrabene Redundanzen, und setzt die Anreicherung — wenn auch in reduziertem Ausmaß — fort. Der IAEA gelang seitdem kein vollständiger Inspektionszugang zu allen Anlagen.
Die zentrale Frage aus US-Sicht: Reicht ein zweiter, massiverer Angriff aus, um das Programm dauerhaft zu zerstören — oder schafft er nur eine neue Runde der Eskalation?
IV. Irans Reaktion — zwischen Verhandlung und Kriegsvorbereitung
Teheran spielt auf zwei Ebenen gleichzeitig. Öffentlich signalisiert das Regime Gesprächsbereitschaft — die Genf-Runde war der erste direkte US-Iran-Kontakt auf hoher Ebene seit Jahren. Intern bereitet sich Iran nach CNN-Berichten aktiv auf einen US-Angriff vor.
Was Iran in einer Eskalation einsetzen kann:
- Ballistische Raketen: Hunderte Kurzstrecken- und Mittelstreckenraketen, die Israel, US-Basen in der Region und Golfstaaten erreichen können. Im April 2024 und Oktober 2024 wurden erstmals Direktangriffe auf Israel durchgeführt.
- Proxies: Obwohl die Führungsstruktur der Hisbollah und Hamas durch israelische und US-Operationen 2024/25 stark beschädigt wurde (→ Artikel: Teherans langer Arm), bestehen Residualkapazitäten.
- Seeblockade Straße von Hormus: Durch diese Meerenge fließen täglich 17–20 Millionen Barrel Öl — rund 20% des weltweiten Handels. Eine Blockade oder auch nur deren glaubhafte Androhung würde den Ölpreis sofort in die Höhe treiben.
- Cyber-Angriffe: Iran verfügt über staatlich gesponserte Cyber-Kapazitäten (APT33, APT35), die kritische Infrastruktur in westlichen Ländern bedrohen können.
Der Trilaterale Pakt Iran–China–Russland vom 29. Januar 2026 (→ CRINK-Achse) schränkt Teherans diplomatische Isolation zwar ein — aber Beijing und Moskau werden Iran militärisch nicht beistehen. Sie profitieren von US-Ressourcenbindung im Nahen Osten.
V. Szenarien — was die nächsten Tage bringen könnten
Szenario A — Diplomatische Einigung (unwahrscheinlich, aber möglich): Iran akzeptiert innerhalb von Trumps 10-Tages-Frist die US-Kernforderung (vollständige Aufgabe der Anreicherung). Gegen alle historischen Präzedenzfälle — Iran hat noch nie ein strategisches Programm vollständig aufgegeben. Aber: Das Regime ist wirtschaftlich am Limit, die Protestwelle vom Dezember/Jänner hat es erschüttert (→ Iran 2026: Systemkrise). Khamenei könnte kalkulieren, dass Überleben wichtiger ist als Uranium.
Szenario B — Begrenzter US-Angriff (wahrscheinlich): USA schlagen erneut die Nuklearanlagen an, diesmal tiefer und flächendeckender. Ziel: Fordow endgültig zerstören, Anreicherungskapazität auf null reduzieren. Iran antwortet mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte in der Region und Israel. Regionale Eskalation, aber kein ausgewachsener Krieg.
Szenario C — Erweiterte Kampagne (NYT-Szenario): USA gehen über Nuklearanlagen hinaus und greifen IRGC-Basen, Raketensilos, Kommandozentren an — das, was die NYT als „longer, deadlier and far more dangerous" beschreibt. Risiko: Regionaler Flächenbrand, Straße von Hormus unter Druck, massive Ölpreisschocks.
Szenario D — Abschreckung wirkt: Der Aufmarsch selbst hat die gewünschte Wirkung — Iran lenkt ein, Verhandlungen intensivieren sich. Die Armada bleibt, ohne zu schießen. Trump bucht es als Verhandlungssieg.
VI. Was bedeutet das für Österreich und Europa?
Ein US-Angriff auf Iran hätte unmittelbare Folgen für Europa — unabhängig davon, ob europäische Länder beteiligt sind:
- Energiepreise: Jede Eskalation rund um die Straße von Hormus treibt die Ölpreise. Europa hat seine Energieabhängigkeit von Russland reduziert — in eine partielle LNG-Abhängigkeit vom Persischen Golf. Ein regionaler Krieg würde die Energiekrise von 2022 wiederholen.
- Flüchtlingsströme: Ein ausgewachsener Krieg gegen Iran würde Millionen Menschen in Bewegung setzen. Iran hat 85 Millionen Einwohner; die Migrations-Routen führen durch die Türkei nach Europa.
- Geopolitische Destabilisierung: Ein weiterer US-Militäreinsatz im Nahen Osten bindet amerikanische Kapazitäten — genau dann, wenn Europa sich von US-Sicherheitsgarantien emanzipieren will (→ ReArm Europe).
- Österreich: Formal neutral, wirtschaftlich exponiert. Österreichische Unternehmen mit Präsenz im Nahen Osten (OMV, Raiffeisen) wären direkt betroffen. Österreich hat keine militärischen Antwortoptionen — aber es hat eine humanitäre Tradition und eine potenzielle Vermittlerrolle als neutraler Staat mit gutem Draht zu beiden Seiten.
Quellenverzeichnis:
Washington Post: Trump appears ready to attack Iran (19. Feb. 2026) ·
CNN: How Iran is preparing for a possible US military strike (19. Feb.) ·
The Guardian: Iran deal prospects within 10 days, Trump says (19. Feb.) ·
New York Times: Trump considers second Iran attack (20. Feb.) ·
Euronews: US military ready for Iran strike from Saturday (19. Feb.) ·
Der Spiegel: Iran — Aufmarsch der US-Armee (21. Feb.) ·
Die Zeit: USA drohen Iran mit Militärschlag (21. Feb.) ·
Tagesschau: Steht ein US-Angriff auf Iran kurz bevor? ·
BBC: What could happen if the US strikes Iran? Seven scenarios
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